Literarischer Adventskalender 2014

Ihr Lieben,

Weihnachten naht und damit steigt auch bei vielen meiner Leser der Stresspegel in kaum gekannte Höhen. Ich selbst feiere Weihnachten nicht, aber Adventskalender finde ich wunderbar. Jeden Tag eine kleine Überraschung, jeden Tag Grund zur Freude und Vorfreude, das mag ich sehr. Beim Zähneputzen hatte ich dann die Idee: ich möchte euch einen literarischen Adventskalender schenken.

Vom 1. bis zum 24. Dezember findet ihr hier auf dem Blog kurze Szenen, die euch das Angebot machen, für die Länge einer Tasse Kakao mit Keks aus dem vorweihnachtlichen Trubel auszusteigen. Minutentexte, die euch im besten Fall statt negativen Stresses etwas Freude in die Tage bringen.

Ihr kennt sicher das Kinderspiel, bei dem man Wörter sammelt, aus denen ein Satz gebildet werden soll. Reicht mir hier in den Kommentaren eure Wortvorschläge ein und ich werde 24 davon auswählen. Die baue ich dann in die 24 Geschichten ein. Ich bin sehr gespannt auf eure Ideen und freue mich schon auf den Start des Literarischen Adventskalenders! (Und wer weiß, vielleicht habe ich zum Ende hin sogar meinen Sprachfehler überwunden, der bei mir immer Adsventskalender aus der Türchensammlung macht.)

Namasté

Lilith

Be careful

Wir hocken alle auf dem Boden, meine Wünsche und ich. Sie sind oft hier in letzter Zeit, weil ich sie mir endlich anzusehen wage. Bequem ist das nicht und sie nehmen viel Raum ein hier in meiner kleinen Hütte. Manchmal möchte ich aufstehen und den Raum verlassen, für immer, einfach gehen ohne mich noch einmal nach ihnen umzusehen.

Seit kurzem sagen sie mir, was sie von mir wollen, was mein Part wäre und mir fällt immer nur das Zitat aus “Out Of Africa” ein, wo Robert Redford zu Meryl Streep oder umgekehrt sagt: “Be careful what you wish for because you might get it.” und ich frage mich, wieso mir das in der Regel viel zu spät einfällt und was wäre, wenn sich manche von ihnen erfüllten.

Jetzt soll ich mich für sie erfüllen, jetzt bin ich dran, sagen sie und ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Dann rauche ich eine, obwohl ich das Rauchen schon lange nicht mehr leiden kann, ich schinde Zeit, vollkommen klar. Was soll ich meinen Wünschen sagen?

Hier, so ist das Leben, ja, damit kann ich es versuchen, denke ich und manche von ihnen lachen kurz und hart auf. Andere schauen mich mit schreckgeweiteten Augen an. Ist das alles? Das ist nichts!

Ja, das ist alles, sage ich, das ist nichts, das müsst ihr aushalten lernen mit mir, dass das Leben so ist und nicht anders und dass es nur anders ist, wenn man das So akzeptiert. Meine Wünsche verlangen nach einem Whiskey, ich sage, ich habe nur Kirschwein, aber dass das auch nichts nutzt und dass wir besser daran täten, uns tief in die Augen zu sehen. Irgendwer hebt an zu “We shall overcome”, wird aber von ein paar Blicken zum Schweigen gebracht.

Wir müssen uns entscheiden, sagen meine Wünsche, ich sage, das geht mir nicht anders. Woher sollen wir wissen, dass du die Richtige für uns bist? Ich habe keine Antwort darauf. Wir werden sehen, sage ich, und ein Wunsch schiebt seine Hand in meine. Wir werden sehen, sagt er in die Runde, leert sein Glas und küsst mich auf die Stirn.

Alt werden ist nichts für Feiglinge, das gilt auch für Wünsche, denke ich und gehe rüber ins Schlafzimmer. Morgen werden sie wieder da hocken, noch immer, sie werden mich wieder fragen, wann. Ich weiß es nicht, könnte ich sagen und versuchen, weise zu klingen. Aber ich ahne, dass ein “Ich weiß es nicht” auch ein gutes Versteck vor mir selbst abgibt, wenn ich nicht wachsam genug bin.

Beim Lesen von Hemingways kürzester Geschichte

Es heißt nicht von ungefähr Trauerjahr. Ein Jahr der Trauerarbeit, ein Jahr Zeit, zu lernen, ohne den anderen weiterzuleben, sich nicht mehr in Erinnerungen zu verstricken, wieder in die Sonne zu blinzeln, wieder präsent zu sein im Jetzt.

Vielleicht genügt das oft, ein Jahr, so Pi mal Daumen, bis der Sturm sich beruhigt hat und die Böen erst seltener kommen und dann weniger heftig. Bis der Schmerz abstrakt wird und nicht mehr körperlich ist.

Vielleicht genügt das oft, ein Jahr, wenn der andere nicht Teil deiner Zellen war, wenn der andere nicht dein Kind war, das in dir gewohnt hat, das dein Körper nicht bis zur Geburt sicher zu tragen vermochte.

Es reicht nicht ein Jahrzehnt beim ersten Mal, es reichen nicht zwei Jahre beim zweiten Mal. Jede Geburt in deinem Umfeld bringt den Sturm zurück und den Schmerz, der körperlich ist. Der Duft einer Babystirn ist dein Manna und ist dein Kryptonit.

Der Wind gibt dich nicht mehr her, er lehrt dich, auf ihm zu treiben, in ihm zu treiben, er lehrt dich zu atmen wie ein Wassertropfen. In den Zeiten zwischen den Stürmen bist du schrecklich vernünftig, es ist ja alles gut, so, wie es ist, nicht wahr.

In den Zeiten der Stürme bist du schrecklich unvernünftig, es ist ja alles gut, so, wie es ist. Es gibt nichts zu tun, nichts, an dem du rütteln müsstest, du brauchst nur geduldig zu sein und sieh nur, Nichts reicht dir die Hände.