Von großen Händen wunderbar geborgen

Er stellt ihr kaum Fragen. Wenn er erzählt, hört er ihrem Gesicht zu und forscht darin und wenn sie etwas sagt, dann hakt er nach und tiefer und schmeckt jedes ihrer Worte lange mit leicht geneigtem Kopf. Sie sitzen auf einer Bank, einer Insel mitten im Menschenstrom, er grüßt immerzu, die Blicke der anderen streifen dabei neugierig sie, die man noch nicht an seiner Seite sah, und der Sommer summt sein Lied.

Sie sind beide in dem Alter, in dem man lächelt, wenn man ein verliebtes Teenagerpaar sieht, das sich selbst fotografiert, den Moment festhält und noch glaubt, das mit ihnen dauere ewig. Sie sind beide in dem Alter, in dem man lächelt über herumstaksende Dreijährige, weil ihnen noch alles gehört, ohne, dass sie es wüssten.

Ihre Körper spiegeln einander, sie wenden sich einander zu mit der Vorsicht derer, die sich noch nicht sicher sind, ob sie eine Gefühlsunordnung in ihrem Leben zulassen wollen oder nicht. Der Kopf spricht mit bei ihnen, der alte Zauderhannes, und sie lassen ihn da sein, weil er auch dazugehört, wenn man keine 20 und keine 30 mehr ist, wenn man gut allein zurecht kommt und weiß, dass man keinen anderen wirklich braucht, um glücklich und zufrieden mit dem Leben zu sein.

Sie weiß nicht, was er in ihrem Gesicht liest, aus ihren Gesten. Sie lauscht ihm, wie er ihr, und sie berauben die Zeit um ihre Stunden. Sie versteht nicht immer alles in seiner Sprache, die nicht ihre ist, aber den Klang seiner Stimme erkennt sie. Da ist kein harter Mensch, der zu ihr spricht, da ist ein Mann, dem die Menschen und die Welt kein bisschen egal sind.

Er geht allem auf den tiefsten Grund, dorthin, wo es klar ist und wesentlich, doch ohne es zu besetzen. Er nimmt Haltung an zu dem, was er sieht und spürt, und hat das Rückgrat, was es dazu braucht. Sie fühlt sich erfasst von ihm in aller Gänze, ohne, dass sie ihm mit Worten ihr Leben ausbreiten muss.

Wie ihre Augen ihn immer neu suchen und bald hängenbleiben an seinem leicht störrischen Haar. Sie möchte wissen, wie weich es ist, wenn sie es mit ihren Fingern durchkämmt. Möchte ihn ohne Farben, nur mit ihrer Seele malen, wenn er lacht und sein Gesicht sich faltet wie eines, das das oft und gern tut. Der Zahn, der aufblitzt und der ihr so gefällt, weil er nicht ganz gerade ist. Auf seinen Armen kleine Schrammen von Dornen, die sie sachte nachfahren möchte wie die Linien seines Mundes, den schönen mit den weichen Lippen.

Immer wieder sucht auch er ihren Blick. Wenn er sie länger ansieht, dann weicht die Ruhe, die sie in seiner Gegenwart verspürt. Dann zieht es ihr im Magen und zieht sie zu ihm hin. Sie braucht nicht mit sich selbst zu kokettieren, ob sie das jetzt so will oder nicht. So, wie er sie ansieht, will sie nichts anderes, als zu ihm hingezogen zu sein und ihm zu vertrauen, dass er mag, was er sieht.

Sie können reden ohne stundenlange Analysen, die Dinge sind gar nicht so kompliziert, selbst wenn sie es sind, und er findet Worte, die so präzise sind, dass es kein Drumherumreden braucht. Sie genießt diese Form der Kommunikation, die selten so klar ist zwischen Menschen.

Da ist noch kein Feuer, das so oft von zwei Menschen nur all zu schnell herbeigeredet wird, um zu übertünchen, dass man sich sonst nicht viel zu sagen hat. Was da knistert zwischen ihnen, das knistert leise und sagt nicht, was es ist, was es werden will. Sie können fast ganz ungestört von Hormonen sich begegnen als die, die sie sind, und sie tun das behutsam. Nicht so sehr, weil sie Verletzungen fürchteten, nein. Sie schenken sich nur Zeit, das Kostbarste, was sie zu verschenken haben.

Als ihre Wege sich trennen, schwebt ein Wiedersehen im Raum, den sie mit Ideen füllen. Sie weiß, auf sein Wort ist Verlass und geht so beruhigt, wie sie gekommen ist. Ihre Hand ist klein für die einer Frau und seine Hand ist groß für die eines Mannes. Als ihre Hand in seiner liegt, ist sie ganz von seiner geborgen, warm umfängt sie die ihre und sie weiß nichts von dem, was kommen wird.

Sie weiß bloß, dass sie das wieder spüren möchte, was sie spürt, wenn sie in seine Hand taucht und in seine Augen, in seine Worte und sein Lachen. Sie weiß bloß, dass sie bereit ist, ihn ganz nah in ihr Leben zu lassen, gerade, weil sie ihn nicht braucht, und bereit, ganz nah in sein Leben zu treten, gerade, weil er sie nicht braucht. Ob es ihm auch so geht, das weiß sie nicht, nur, dass sie es erfahren wird.

Deinen Worten, den weichen

In der Nacht lese ich nur mit den Fingerspitzen auf Karton. Die Rillen deiner Handschrift werden mir vertraut, das, was allein du auf Papier erzeugst und kein anderer. In der Nacht schwindet meine Unsicherheit, meine Schüchternheit aber bleibt. Ich weiß nicht mehr, wie deine Stimme klingt, ich weiß nur, dass sie warm ist wie dein Lachen. Ich weiß nicht mehr, nicht mehr als das, und dass mein Herz ausgesetzt hat, ganz kurz, bevor es zu galoppieren begann.

Das Haar in deinem Nacken, wie es sich wellt, deinen Blick aus schräg stehenden Augen, und sonst weiß ich nichts, nur, wie es mir im Magen sauste, bevor ich auch nur einen Gedanken denken konnte.

Jetzt sind die Taggedanken ruhig, sie haben nichts zu befürchten als den Schlaf. Die Rillen deiner Handschrift formen mir einen Ort, den ich gern besuche und erkunde. Deinen Worten, den weichen, stelle ich meine Fingerspitzen zur Seite. Damit ich die Stille in deinen Worten besser spüren kann, damit ich am Tag den Gedanken sagen kann, wie es ohne sie ist.

Die Kanten der Karte entlang fahre ich darüber hinaus, langsam, Schritt für Schritt, beherzt ins Ungewisse.

Landkind bleibt Landkind

Meine Lieblingslandschaft ist das hier nicht. Die weiten Flächen neigen zur Melancholie, ganz so wie dort, wo ich herkomme. Die Gegenden ähneln sich, auch wenn es dort grüner, dafür aber auch nebliger ist. Hier ist die Erde schnell trocken, die Wiesen hoch und ausgebleicht. Das Grün wirkt matt und träge und leicht könnte man sich in afrikanischer Steppe wähnen, wären da nicht die vielen Bäume entlang der Feldwege.

Meine Füße sind ramponiert vom feinen und scharfkantigen Schotter, der hier überall herumliegt, das Land ist nicht reich, für schöne Wege ist kein Geld da. Die Sommer sind trocken, die Winter oft hart, wer hier lebt, hat lieben zu lernen, was er sieht, was die Natur von ihm verlangt. Der Mensch ist auch hier schon überall spürbar, und doch, man sieht ihn selten. Und wenn, fällt er kaum auf. Die Spargelstecher gehören zum Bild wie die Stare in der Kirschplantage, ein paar Trecker, ein paar Jäger, der Imker und die Hundeleute, die die Wege kennen.

Die meisten Geräusche kommen nicht vom Menschen. Pappeln gaukeln im Wind das Rauschen des Meeres vor, die Grillen übertreffen die Frösche, wenn eine ganze Wiese zirpt, ist das ein Orkan für die Ohren. Milan und Falke, Bachstelze, Elster und Mauersegler sind die Stimmen des Himmels, untermalt von Flugzeugen, die sich nahtlos in die Geräuschkulisse integrieren. Mais raschelt ganz anders als reifer Raps, als Gerste oder Roggen. Im Unterholz steppen Rebhühner und Mäuse, Hasen donnern durch die Zuckerübenreihen und ein paar verirrte Möwen suchen den großen Kanal.

Windräder rücken immer näher, wie eine Armee wandern sie auf den Feldern Richtung Wohngebiete. Was viele hässlich, laut und störend empfinden, ist mir Schattenplatz in brütender Mittagshitze und Buddelparadies für den Hund. Gemeinsam mit Vater Storch staksen wir über abgemähte Wiesen, die sind Schlaraffenland, da laufen die Mäuse aus ihren Löchern geradewegs in Maul und Schnabel.

Die Füchse trotten leise und die Rehe springen hoch. Wildschweine sind nur an ihren Spuren zu sehen und nachts höre ich ihre Gespräche. Es gibt seltsame Tiere hier, katzenartige mit Dachskopf, die bläulich-schwarz schimmernde tote Schlange von über einem Meter Länge, die unsichtbaren, die das Totholz knacken lassen.

Wo die Menschen wohnen, machen sie Lärm. Die mit Garten besonders, sie fahren schweres Gerät auf, je mehr Dezibel, desto Urlaub oder Samstag. Menschen, denen ein Hundegebell oder Kindergeheul zu laut ist, deren Rasen, nicht Wiese, millimetergenau nur 3 cm hoch wachsen darf und bei denen aus den Hecken keine Stripsel herauslugen. Mit einem Lächeln bedacht, sind das nette Menschen, die nicht mehr von mir wollen, als über das Wetter zu sprechen, die Zipperlein oder ob es im Fußball grad gut läuft. Man drängt sich hier einander nicht auf, oft genügt ein Nicken, ein Winken, ein Tippen an die imaginäre Mütze.

Die Mohnblumenzeit geht zu Ende, auch die Margeriten deuten erste Müdigkeit an, die Kornblumen wechseln vom tiefen Blauviolett zum hellen Sommerblau. Die wilden Brombeeren wachsen schon, der Sommer ist noch jung und doch ist alles schon so prall, es stöhnt und ächzt nach Erleichterung, nach Ernte.

Ich liege auf dem Feldweg, mit weißem Shirt und sehe ihm dabei zu, wie es staubig wird. Mein Kopf in deinem Schoß, ein Grashalm in meinem Mund, das Schnaufen der grabenden Hunde dicht am Ohr. In der Stadt ging ich ein, hier kann ich dreckig sein und Erde zwischen den Zehen haben. Hier habe ich Hundepfotenabdrücke auf der Kleidung und Gras und Matsch und Halme. Hier ziehe ich wieder als Entdecker über die Felder, ich tue das, was ich schon als Kind am liebsten getan habe. Hier kann ich schweigen und brauche nicht zu sprechen, hier kann ich alles spüren und brauche nichts zu wissen.

Es ist nicht meine Lieblingslandschaft hier. Nichts Überbordendes für die Augen, keine Hügel, keine Berge, kein Meer, nicht einmal ein See fußnah. Im Winter ist es hier kaum auszuhalten vor Schnee und Matsch und Bitterkalt. Es ist nicht meine Lieblingslandschaft hier und doch bin ich da. In meinem Auge deine Schönheit, du armes Land, du ruhiges Land.

Du bist nicht wirklich karg, du bist nicht wirklich üppig, du bist wie ein struppiger Hund, ein Streuner. Nicht zu zähmen, nicht zu zwingen, dich muss man lieben, wie du bist, du verbiegst dich nicht für den Menschen. Das liebe ich an dir und darum bin ich noch jedes Mal geblieben.