Vielleicht der schönste Anglizismus von allen

Ein Commitment einzugehen, das fällt mir nicht immer, aber manchmal doch recht schwer. Hat letzten Endes viel damit zu tun, wie sehr ich bereit bin, mir selbst etwas Gutes zu tun, liebevoll mit mir selbst zu sein und Nähe zu anderen Menschen zuzulassen. Wobei gut nicht spaßig bedeutet, sondern eher freudvoll, herausfordernd, wohltuend, inneres Wachstum auf allen Seiten fördernd.

Ich könnte zig Essays über das Thema Commitment schreiben, weil ich das ziemlich spannend finde, aber zu meinen aktuellen Commitments gehört, nicht wie sonst ständig neue Themen zu erforschen, sondern vorrangig am Roman zu arbeiten und etwas für die körperliche und seelische Gesundheit zu tun. Deshalb jetzt nur ein kurzes Herantasten.

Commitment ist einer der sinnvollen Anglizismen, wie ich finde, mir fällt spontan kein deutsches Wort ein, das so nah am lateinischen Ursprung committere ist. Wir machen daraus “sich (verbindlich) verpflichten” und da Pflicht leider oft negativ mit einem “Muss” konnotiert ist, wich ich gern doppelt vor Commitments zurück:

Damals mochte ich nicht sehen, dass es große Unterschiede gibt zwischen Müssen und Müssen und Verbindlichkeit setzte ich gleich mit unwiderruflicher Auslieferung an einen anderen Menschen, quasi Gefangenschaft. Mit den Jahren habe ich es mit anderen, gesunden Inhalten füllen können und die Verantwortung für mich selbst zu übernehmen und für meine Freundschaften, für meinen Hund, für meinen Roman lehrt mich, dass es gar nicht schlimm ist, sondern das Leben sehr bereichert, sich (einem) Menschen oder einer Sache zu verpflichten, solange ich gut bei mir selbst bin.

Commitments einzugehen lehrt mich, dass Verbindlichkeit und Selbstverpflichtung, die Freiheit zu nehmen scheinen, sie mir an anderer Stelle wiederschenken, in der für mich am kostbarsten Weise. (“Niemand ist eine Insel” und so.)

Lateinisch Committere heißt u. A. “in Obhut geben”. Das trifft ziemlich schön, als was ich ein Commitment heutzutage sehe. Ich entscheide mich dafür, mich in die Obhut meiner Selbst, einer Beziehung, einer Freundschaft, einer Arbeit, eines Projektes, einer Lebensweise zu geben.

Vertrauen wiederum heißt, fragt man die Gebrüder Grimm und ihr Wörterbuch, “tiefer als trauen”. Ich vertraue mit allen Ängsten, die mich bei einem Commitment begleiten mögen darauf, dass diese Ängste nicht (dauernd) ausagiert werden müssen, sich auflösen dürfen, weil ich in jedem Commitment an andere Menschen oder eine Sache gut für mich selbst sorge. Dann kann ich mich auch verletzlich zeigen und auch verletzt werden, ohne gleich zu befürchten, zu großen Schaden davon zu nehmen.

Commitment bedeutet für mich, tiefer als trauend mich in Obhut zu geben. Bin ich gut in meiner eigenen Obhut aufgehoben, brauche ich andere Commitments nicht zu fürchten, ich brauche sie nur darauf zu prüfen, ob sie die stimmigen sind für mich zu dem Zeitpunkt, an dem sie als Möglichkeit in meinem Leben auftauchen. Ein Commitment ist nicht für die Ewigkeit in Stein gemeißelt, es ist allerdings mein ganz bewusstes, erklärtes Ja dazu, vollen Einsatz zu bringen, mich hinzugeben, verletzlich zu sein und zu vertrauen.

Von großen Händen wunderbar geborgen

Er stellt ihr kaum Fragen. Wenn er erzählt, hört er ihrem Gesicht zu und forscht darin und wenn sie etwas sagt, dann hakt er nach und tiefer und schmeckt jedes ihrer Worte lange mit leicht geneigtem Kopf. Sie sitzen auf einer Bank, einer Insel mitten im Menschenstrom, er grüßt immerzu, die Blicke der anderen streifen dabei neugierig sie, die man noch nicht an seiner Seite sah, und der Sommer summt sein Lied.

Sie sind beide in dem Alter, in dem man lächelt, wenn man ein verliebtes Teenagerpaar sieht, das sich selbst fotografiert, den Moment festhält und noch glaubt, das mit ihnen dauere ewig. Sie sind beide in dem Alter, in dem man lächelt über herumstaksende Dreijährige, weil ihnen noch alles gehört, ohne, dass sie es wüssten.

Ihre Körper spiegeln einander, sie wenden sich einander zu mit der Vorsicht derer, die sich noch nicht sicher sind, ob sie eine Gefühlsunordnung in ihrem Leben zulassen wollen oder nicht. Der Kopf spricht mit bei ihnen, der alte Zauderhannes, und sie lassen ihn da sein, weil er auch dazugehört, wenn man keine 20 und keine 30 mehr ist, wenn man gut allein zurecht kommt und weiß, dass man keinen anderen wirklich braucht, um glücklich und zufrieden mit dem Leben zu sein.

Sie weiß nicht, was er in ihrem Gesicht liest, aus ihren Gesten. Sie lauscht ihm, wie er ihr, und sie berauben die Zeit um ihre Stunden. Sie versteht nicht immer alles in seiner Sprache, die nicht ihre ist, aber den Klang seiner Stimme erkennt sie. Da ist kein harter Mensch, der zu ihr spricht, da ist ein Mann, dem die Menschen und die Welt kein bisschen egal sind.

Er geht allem auf den tiefsten Grund, dorthin, wo es klar ist und wesentlich, doch ohne es zu besetzen. Er nimmt Haltung an zu dem, was er sieht und spürt, und hat das Rückgrat, was es dazu braucht. Sie fühlt sich erfasst von ihm in aller Gänze, ohne, dass sie ihm mit Worten ihr Leben ausbreiten muss.

Wie ihre Augen ihn immer neu suchen und bald hängenbleiben an seinem leicht störrischen Haar. Sie möchte wissen, wie weich es ist, wenn sie es mit ihren Fingern durchkämmt. Möchte ihn ohne Farben, nur mit ihrer Seele malen, wenn er lacht und sein Gesicht sich faltet wie eines, das das oft und gern tut. Der Zahn, der aufblitzt und der ihr so gefällt, weil er nicht ganz gerade ist. Auf seinen Armen kleine Schrammen von Dornen, die sie sachte nachfahren möchte wie die Linien seines Mundes, den schönen mit den weichen Lippen.

Immer wieder sucht auch er ihren Blick. Wenn er sie länger ansieht, dann weicht die Ruhe, die sie in seiner Gegenwart verspürt. Dann zieht es ihr im Magen und zieht sie zu ihm hin. Sie braucht nicht mit sich selbst zu kokettieren, ob sie das jetzt so will oder nicht. So, wie er sie ansieht, will sie nichts anderes, als zu ihm hingezogen zu sein und ihm zu vertrauen, dass er mag, was er sieht.

Sie können reden ohne stundenlange Analysen, die Dinge sind gar nicht so kompliziert, selbst wenn sie es sind, und er findet Worte, die so präzise sind, dass es kein Drumherumreden braucht. Sie genießt diese Form der Kommunikation, die selten so klar ist zwischen Menschen.

Da ist noch kein Feuer, das so oft von zwei Menschen nur all zu schnell herbeigeredet wird, um zu übertünchen, dass man sich sonst nicht viel zu sagen hat. Was da knistert zwischen ihnen, das knistert leise und sagt nicht, was es ist, was es werden will. Sie können fast ganz ungestört von Hormonen sich begegnen als die, die sie sind, und sie tun das behutsam. Nicht so sehr, weil sie Verletzungen fürchteten, nein. Sie schenken sich nur Zeit, das Kostbarste, was sie zu verschenken haben.

Als ihre Wege sich trennen, schwebt ein Wiedersehen im Raum, den sie mit Ideen füllen. Sie weiß, auf sein Wort ist Verlass und geht so beruhigt, wie sie gekommen ist. Ihre Hand ist klein für die einer Frau und seine Hand ist groß für die eines Mannes. Als ihre Hand in seiner liegt, ist sie ganz von seiner geborgen, warm umfängt sie die ihre und sie weiß nichts von dem, was kommen wird.

Sie weiß bloß, dass sie das wieder spüren möchte, was sie spürt, wenn sie in seine Hand taucht und in seine Augen, in seine Worte und sein Lachen. Sie weiß bloß, dass sie bereit ist, ihn ganz nah in ihr Leben zu lassen, gerade, weil sie ihn nicht braucht, und bereit, ganz nah in sein Leben zu treten, gerade, weil er sie nicht braucht. Ob es ihm auch so geht, das weiß sie nicht, nur, dass sie es erfahren wird.

Deinen Worten, den weichen

In der Nacht lese ich nur mit den Fingerspitzen auf Karton. Die Rillen deiner Handschrift werden mir vertraut, das, was allein du auf Papier erzeugst und kein anderer. In der Nacht schwindet meine Unsicherheit, meine Schüchternheit aber bleibt. Ich weiß nicht mehr, wie deine Stimme klingt, ich weiß nur, dass sie warm ist wie dein Lachen. Ich weiß nicht mehr, nicht mehr als das, und dass mein Herz ausgesetzt hat, ganz kurz, bevor es zu galoppieren begann.

Das Haar in deinem Nacken, wie es sich wellt, deinen Blick aus schräg stehenden Augen, und sonst weiß ich nichts, nur, wie es mir im Magen sauste, bevor ich auch nur einen Gedanken denken konnte.

Jetzt sind die Taggedanken ruhig, sie haben nichts zu befürchten als den Schlaf. Die Rillen deiner Handschrift formen mir einen Ort, den ich gern besuche und erkunde. Deinen Worten, den weichen, stelle ich meine Fingerspitzen zur Seite. Damit ich die Stille in deinen Worten besser spüren kann, damit ich am Tag den Gedanken sagen kann, wie es ohne sie ist.

Die Kanten der Karte entlang fahre ich darüber hinaus, langsam, Schritt für Schritt, beherzt ins Ungewisse.