Deinen Worten, den weichen

In der Nacht lese ich nur mit den Fingerspitzen auf Karton. Die Rillen deiner Handschrift werden mir vertraut, das, was allein du auf Papier erzeugst und kein anderer. In der Nacht schwindet meine Unsicherheit, meine Schüchternheit aber bleibt. Ich weiß nicht mehr, wie deine Stimme klingt, ich weiß nur, dass sie warm ist wie dein Lachen. Ich weiß nicht mehr, nicht mehr als das, und dass mein Herz ausgesetzt hat, ganz kurz, bevor es zu galoppieren begann.

Das Haar in deinem Nacken, wie es sich wellt, deinen Blick aus schräg stehenden Augen, und sonst weiß ich nichts, nur, wie es mir im Magen sauste, bevor ich auch nur einen Gedanken denken konnte.

Jetzt sind die Taggedanken ruhig, sie haben nichts zu befürchten als den Schlaf. Die Rillen deiner Handschrift formen mir einen Ort, den ich gern besuche und erkunde. Deinen Worten, den weichen, stelle ich meine Fingerspitzen zur Seite. Damit ich die Stille in deinen Worten besser spüren kann, damit ich am Tag den Gedanken sagen kann, wie es ohne sie ist.

Die Kanten der Karte entlang fahre ich darüber hinaus, langsam, Schritt für Schritt, beherzt ins Ungewisse.

Landkind bleibt Landkind

Meine Lieblingslandschaft ist das hier nicht. Die weiten Flächen neigen zur Melancholie, ganz so wie dort, wo ich herkomme. Die Gegenden ähneln sich, auch wenn es dort grüner, dafür aber auch nebliger ist. Hier ist die Erde schnell trocken, die Wiesen hoch und ausgebleicht. Das Grün wirkt matt und träge und leicht könnte man sich in afrikanischer Steppe wähnen, wären da nicht die vielen Bäume entlang der Feldwege.

Meine Füße sind ramponiert vom feinen und scharfkantigen Schotter, der hier überall herumliegt, das Land ist nicht reich, für schöne Wege ist kein Geld da. Die Sommer sind trocken, die Winter oft hart, wer hier lebt, hat lieben zu lernen, was er sieht, was die Natur von ihm verlangt. Der Mensch ist auch hier schon überall spürbar, und doch, man sieht ihn selten. Und wenn, fällt er kaum auf. Die Spargelstecher gehören zum Bild wie die Stare in der Kirschplantage, ein paar Trecker, ein paar Jäger, der Imker und die Hundeleute, die die Wege kennen.

Die meisten Geräusche kommen nicht vom Menschen. Pappeln gaukeln im Wind das Rauschen des Meeres vor, die Grillen übertreffen die Frösche, wenn eine ganze Wiese zirpt, ist das ein Orkan für die Ohren. Milan und Falke, Bachstelze, Elster und Mauersegler sind die Stimmen des Himmels, untermalt von Flugzeugen, die sich nahtlos in die Geräuschkulisse integrieren. Mais raschelt ganz anders als reifer Raps, als Gerste oder Roggen. Im Unterholz steppen Rebhühner und Mäuse, Hasen donnern durch die Zuckerübenreihen und ein paar verirrte Möwen suchen den großen Kanal.

Windräder rücken immer näher, wie eine Armee wandern sie auf den Feldern Richtung Wohngebiete. Was viele hässlich, laut und störend empfinden, ist mir Schattenplatz in brütender Mittagshitze und Buddelparadies für den Hund. Gemeinsam mit Vater Storch staksen wir über abgemähte Wiesen, die sind Schlaraffenland, da laufen die Mäuse aus ihren Löchern geradewegs in Maul und Schnabel.

Die Füchse trotten leise und die Rehe springen hoch. Wildschweine sind nur an ihren Spuren zu sehen und nachts höre ich ihre Gespräche. Es gibt seltsame Tiere hier, katzenartige mit Dachskopf, die bläulich-schwarz schimmernde tote Schlange von über einem Meter Länge, die unsichtbaren, die das Totholz knacken lassen.

Wo die Menschen wohnen, machen sie Lärm. Die mit Garten besonders, sie fahren schweres Gerät auf, je mehr Dezibel, desto Urlaub oder Samstag. Menschen, denen ein Hundegebell oder Kindergeheul zu laut ist, deren Rasen, nicht Wiese, millimetergenau nur 3 cm hoch wachsen darf und bei denen aus den Hecken keine Stripsel herauslugen. Mit einem Lächeln bedacht, sind das nette Menschen, die nicht mehr von mir wollen, als über das Wetter zu sprechen, die Zipperlein oder ob es im Fußball grad gut läuft. Man drängt sich hier einander nicht auf, oft genügt ein Nicken, ein Winken, ein Tippen an die imaginäre Mütze.

Die Mohnblumenzeit geht zu Ende, auch die Margeriten deuten erste Müdigkeit an, die Kornblumen wechseln vom tiefen Blauviolett zum hellen Sommerblau. Die wilden Brombeeren wachsen schon, der Sommer ist noch jung und doch ist alles schon so prall, es stöhnt und ächzt nach Erleichterung, nach Ernte.

Ich liege auf dem Feldweg, mit weißem Shirt und sehe ihm dabei zu, wie es staubig wird. Mein Kopf in deinem Schoß, ein Grashalm in meinem Mund, das Schnaufen der grabenden Hunde dicht am Ohr. In der Stadt ging ich ein, hier kann ich dreckig sein und Erde zwischen den Zehen haben. Hier habe ich Hundepfotenabdrücke auf der Kleidung und Gras und Matsch und Halme. Hier ziehe ich wieder als Entdecker über die Felder, ich tue das, was ich schon als Kind am liebsten getan habe. Hier kann ich schweigen und brauche nicht zu sprechen, hier kann ich alles spüren und brauche nichts zu wissen.

Es ist nicht meine Lieblingslandschaft hier. Nichts Überbordendes für die Augen, keine Hügel, keine Berge, kein Meer, nicht einmal ein See fußnah. Im Winter ist es hier kaum auszuhalten vor Schnee und Matsch und Bitterkalt. Es ist nicht meine Lieblingslandschaft hier und doch bin ich da. In meinem Auge deine Schönheit, du armes Land, du ruhiges Land.

Du bist nicht wirklich karg, du bist nicht wirklich üppig, du bist wie ein struppiger Hund, ein Streuner. Nicht zu zähmen, nicht zu zwingen, dich muss man lieben, wie du bist, du verbiegst dich nicht für den Menschen. Das liebe ich an dir und darum bin ich noch jedes Mal geblieben.

Ein Tag

Geh mit der Sonne auf,
leuchte auch hinter bedecktem Himmel,
streichle ein Blatt und reiße es nicht ab.

Atme tief aus, wenn du dich fürchtest,
lerne die Wolken zu lesen statt Nachrichten,
sprich nur das Nötigste und höre genau zu.

Lächle dir die Seele gesund,
sieh in jeden Abgrund hinein,
steig hinunter und steig wieder heraus.

Laufe einen Mond in der anderen Schuhen,
ziehe deine Kreise lieber still,
ein jeder gibt jederzeit sein Bestmögliches.

Singe und summe und lache und weine,
tanze und hüpfe und laufe barfuß,
wann immer du kannst, und küsse warm.

Reiche deine Hände in fremdes Dunkel,
erwarte keine fremden Hände in deinem,
lass dich auf andere ein und lass auch los.

Bewege dich langsam wie ein Berg und oft,
nimm dir ein Beispiel an jedem Tier,
an jedem Baum und jeder Pflanze.

Informiere dich in deinem Bauch,
handle unvernünftig und achtsam,
stürze deinen Tee nicht um oder hinunter.

Sitze ruhig im Auge des Sturmes,
sei Sturm, wenn es erforderlich ist,
sei Meer ,das nimmt und gibt, nicht braucht.

Tue genauso nichts von alledem,
verirre dich, finde zurück und fang neu an,
lass sie reden und auch dich.

Geh mit der Sonne unter,
dehne dich aus, sei Universum,
leuchte aus dir heraus,
du kannst nicht anders.

Sei zärtlich in allem.
Immer.