Das Blaue Land

Es war einmal ein Land, das jeden, der es je zu Gesicht bekommen gehabt hat, für immer veränderte. Blau waren nicht nur sein Himmel, seine Seen, blau schimmerten auch die unbewaldeteten Felsgipfel und waldigen Höhen. Selbst das Grün der Felder und Wiesen war von diesem Blau durchzogen, das alles und jeden ergriff.

Hier geriet das Auge in Aufruhr, nicht satt sehen konnte es sich an diesem Meer in allen Tönen, das kein Meer war. Hier kam das Auge zur Ruhe, wenn die Seele auf einer Bank ruhte, wo noch vor kurzer Zeit erst ein Gletscher seine Schneisen geschlagen und Berge aufgefaltet hatte, die man beinahe liebkosen konnte, so nah schienen sie, wenn man die Hand nur nicht ausstreckte.

Mit sorgsamen Pinselstrichen liegt ein Ort aufgetragen auf dieses Blau, bunt sind seine Fassaden und ein seltsamer Wind geht zu bestimmten Stunden nur am Tag durch die große Gasse. Die Menschen in diesem Ort sprechen nicht viel über diesen Wind, wohl aber spüren sie ihn und wissen um seine Wirkung. Leicht macht er die Herzen der Menschen, dass sie fliegen und sich einander zuneigen. Freundlich sind die Menschen in diesem Ort und freundlich ist der Wind.

«Wie heißt du?», hatten einst Maler, die der Wind hierhin getrieben hatte, das Land gefragt. Es sagte nichts, es blaute sich bloß unter ihren Blicken und Pinseln. Die Menschen aus dem Ort staunten, denn auf den Bildern konnten sie ihr Land erkennen, wie es ohne ihre Alltagsaugen war. Sie hatten es zwar immer besonders gefunden und doch nicht wirklich gewusst, was genau das Besondere war. Auf den Bildern der Maler war sogar der Wind zu sehen, dieser Gefährte der Berge, der Freund des kleinen Ortes.

«Blaues Land heißen wir dich.» Die Maler besangen es in ihren Gemälden und die Menschen in dem kleinen Ort mit den bunten Fassaden nennen es heute noch so. Es wird erzählt, auch der Wind sei derselbe wie vor 100 Jahren, und sorge wie einst dafür, dass sich die Herzen einander leicht und freundlich zuneigen und sich die Menschen im Blauen Land, ob Einheimische oder die der Wind hierhin getrieben hat, nicht so fremd fühlen in der Welt. Ich glaube, das ist bestimmt kein Märchen.

Gastbeitrag von Leanne (11): Alptraum oder Wirklichkeit?

Leanne (Name aus Schutzgründen geändert, aber von der jungen Schriftstellerin selbst gewählt) hat auf meine Anzeige bezüglich des Alphasmart 3000 geschrieben und die Auslosung gewonnen. Ich durfte einige Texte von ihr lesen, darunter einen sehr persönlichen und habe in allen schon eine ganz Leanne-eigene Sprache entdecken können, immer wieder eine Klarheit in ihren Worten, die mich anrührt, und so fühle mich sehr geehrt, heute eine Gruselgeschichte herausgeben zu dürfen, die Leanne geschrieben hat. Ich hoffe, ihr habt genau so viel Vergnügen oder vielmehr Schaudern beim Lesen wie ich! Und vor allem hoffe ich, dass Leanne weiter schreibt, denn ich bin schon jetzt ihr Fan. Falls ihr Lust habt, Leanne eine Rückmeldung zu ihrer Geschichte zu geben, könnt ihr das gern hier in den Kommentaren tun, ich bin ziemlich sicher, sie wird sie lesen.

 

Alptraum oder Wirklichkeit? (Von Leanne, 11 Jahre alt)

 

Es war dunkel und kalt. Ich stand auf etwas, und dieses Etwas bewegte sich. Es pulsierte wie das Herz eines Riesen. Und doch war das Etwas weder warm noch kalt, nicht glatt, aber auch nicht rissig oder unregelmäßig. Es war einfach nur ein Ding, auf dem man existieren konnte. Ich sah mich um und entdeckte, dass das Ding, auf dem ich stand, nicht dunkel, aber auch nicht hell war. Plötzlich tauchte wie aus dem Nichts eine gigantische Spinne auf. Mit ihrer Größe von vier Metern, ihren silber-schwarz glänzenden Greifzangen und den zwei roten Augen aus glühenden Feuerbällen sah sie aus, als wäre sie gerade einem Science-Fiction-Film entstiegen. Ich konnte mich nicht rühren. Konnte nicht schreien. Das einzige, was ich konnte, war abzuwarten, was die Spinne tun würde. Sie stürzte auf mich zu und riss mich mit ihren Greifzangen vom Boden hoch. Hilflos hing ich in der Luft. Eine Ewigkeit lang. Und dann fiel ich…

 

Ich wachte schweißgebadet auf. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, und dann rutschte es mir auch schon wieder blitzschnell in die Hose. Ich atmete heftig, während mein Zimmer mehr und mehr Gestalt annahm. Ich knipste meine Bettlampe an. Mit zitternden Händen goss ich mir von der Flasche auf meinem Nachttisch ein Glas Wasser ein. Allmählich beruhigte ich mich und blickte auf den Wecker: 3 Uhr Morgens. Ich lehnte mich wieder zurück in die Kissen, schloss die Augen und schlief bis zum Morgen alptraumlos.

 

Was war das? Ich fuhr aus dem Schlaf hoch. Ich sah mich verwirrt um – und lachte schallend: Es war nur mein Wecker. Ich drückte auf den Ausknopf und reckte mich. Dann sprang ich aus dem Bett, griff mir ein Kissen und schlich mich in das Zimmer meiner großen Schwester Nele, wo ich sie weckte, indem ich ihr das Kissen an den Kopf warf. Lachend lief ich zurück in mein Zimmer, während Nele mit ihrem Kissen zum Gegenangriff ansetzte. Dann zog ich mich in Sekunden an, flitzte ins Badezimmer und putzte mir die Zähne, noch bevor meine Schwester sich auch nur angezogen hatte. Nachdem ich mir die Haare gekämmt hatte, lief ich die Treppe hinunter zum schon gedeckten Frühstückstisch.

Mama und Papa saßen bereits dort. Als Nele herunterkam hatte ich mein Schulbrot schon geschmiert und bestrich mir gerade ein knuspriges Brötchen mit Butter und Honig. Mein Papa versteckte sich wie immer hinter der Zeitung. Plötzlich hörte ich ihn lachen, dann fing er an, einen Artikel aus der Zeitung vorzulesen: „Hört Euch das einmal an: In der Innenstadt wurde eine riesige Spinne gesichtet, die sich auf den Straßen herumtreibt und die Leute angreift! Stellt Euch das mal vor! Manchmal schreibt die Zeitung echt Phantasiegeschichten…“ Ich verschluckte mich an meinem Brötchen und hustete. Sollte es etwa die Spinne aus meinem Traum wirklich geben? Doch ich wollte nichts davon meinen Eltern erzählen, sonst glaubten sie noch, ICH verbreitete Phantasiegeschichten. Daher hielt ich den Mund, bis ich aus dem Haus zur Schule ging.

 

In Gedanken versunken lief ich die Hauptstraße hinunter. Mein Schulweg war eigentlich ganz schön kurz, aber da ich mir den Zeitungsartikel immer wieder durch den Kopf gehen ließ, dauerte er diesmal fast doppelt so lang. Auf einmal fiel ein riesiger Schatten auf mich, der alles um mich herum dunkel werden ließ. Ich blickte auf, doch ich konnte nichts sehen was den Schatten verursacht haben könnte. Er war einfach da. Ich blieb stehen. Der Schatten erschien mir unheimlich. Ich traute mich nicht, weiterzugehen.

 

Mit einem Mal hatte ich das Gefühl, immer tiefer zu fallen, durch den Erdboden hindurch, in eine finstere, eisige Halle hinein. Es roch seltsam modrig und ein leichter Nebel waberte durch den Raum. Der Boden erinnerte mich an etwas. Dieses Etwas bewegte sich. Es pulsierte wie das Herz eines Riesen. Das Etwas war weder warm noch kalt, nicht glatt, aber auch nicht rissig oder unregelmäßig. Wie in meinem Alptraum. Plötzlich sah ich mich selbst, nur wenige Meter vor mir. Da ich wusste, wie mein Traum weitergehen würde, wurde mir schlecht vor Angst. Gleich würde die Spinne wieder auftauchen und nach meinem Ebenbild – NACH MIR – greifen. Ich wollte wegrennen, doch irgendetwas hielt mich zurück. Doch bevor ich einen weiteren Entschluss fassen konnte, tauchte schon die Spinne auf.

Von meinem Standpunkt aus kam sie mir noch gruseliger vor als in meinem Traum, als ich direkt vor ihr stand. Ihre Beine sahen aus, als würden sie aus vielen einzelnen Teilen bestehen, aber ihre Bewegungen waren flüssig und geschmeidig. Ihre Konturen waren seltsam scharf gestochen im Nebel, ihre dunkle, blaugraue Oberfläche sah aus wie eine Art Fell. Aber ich war mir sicher, dass sie sich steinhart anfühlen würde. Von der Seite sahen ihre silber-schwarz glänzenden Greifzangen noch gefährlicher und kräftiger aus als ich sie in Erinnerung hatte. Ihre glühenden Augen sahen aus, als loderte das Feuer in ihnen auf, als sie mich ansahen.

 

Die Spinne bewegte sich auf mich, nein, auf mein Ebenbild zu. Mein Alptraum ging weiter. Gleich würde sie angreifen. Immer noch wie gelähmt musste ich zusehen, wie das Monster mein Traum-Ich mit ihren Greifzangen erwischte und in die Luft hob. In diesem Augenblick fing der Boden an wie wild zu schwanken. Wie Wellen hob sich der Boden an und fiel gleich darauf wieder in sich zusammen. Es fühlte sich an, als ob das Etwas unter meinen Füßen plötzlich aufgewacht wäre. Die Spinne störte die Bewegung des Bodens gar nicht, sie war immer noch mit meinem Abbild beschäftigt.

Auf einmal riss der Boden der Länge nach auf und durch den Spalt sah ich das grauenhafte Bild mehrerer Spinneneier, die größer waren als ich. Mein Entsetzen wuchs, als die Oberflächen der Kokons dünner wurden und der Spinnennachwuchs sichtbar wurde. Durch die heftigen Bewegungen des Bodens wurde ich von den Füßen gerissen und meine Schockstarre löste sich. Mir wurde klar, dass ich nicht einfach weglaufen oder zuschauen konnte, wie sich die große Spinne anschickte, mein Traum-Ich zu verfüttern. Ich musste handeln. Nur wie?

 

Plötzlich fiel mir auf, dass die Augen der Riesenspinne nicht nur wie Feuerbälle aussahen, sondern tatsächlich welche waren. Sie warfen Funken! Es durchzuckte mich wie ein Blitz: ich hatte völlig vergessen, dass ich meinen Schulranzen noch bei mir hatte. Wenn ich nun einfach ein Heft an einem Funken entzünden könnte, wäre ich wahrscheinlich in der Lage die Spinneneier zu verbrennen. Das würde vielleicht die Spinne ablenken, so dass sie mein Ebenbild loslassen würde.

Mir blieb nicht mehr viel Zeit zum Nachdenken. Kurzentschlossen riss ich den Reißverschluss meiner Tasche auf und stürzte mit einem Heft in der Hand los. Auf dem Weg zur Spinne überfiel mich der Gedanke, dass ich ja auch von einem der Funken getroffen werden könnte. Aber dann war ich auch schon dort und entzündete das Papier in meiner Hand. Die Spinne bemerkte mich noch nicht einmal, sie war mit meinem Traum-Ich auf dem Weg zu ihren Eiern.

Ich jedoch war schneller. Mit dem brennenden Heft in der Hand erreichte ich den ersten Kokon und setzte ihn in Brand. Die Spinne darin kreischte einen kurzen Moment auf und dann war Ruhe. Sofort wandte ich mich dem nächsten Kokon zu und setzte mein Werk fort. Indes war die Spinne schon fast an die Eier herangekommen. Aber ich bemerkte, dass sie langsamer wurde, je mehr Eier ich zerstörte. Konnte es sein, dass die Spinne durch ihre Eier lebte? Zwei Eier waren noch übrig. Jetzt bemerkte mich die Spinne. Sie ließ mein Traum-Ich fallen und baute sich mit letzter Kraft vor mir auf. Ich stürzte zum letzten Ei und setzte es in Brand. Die große Spinne kreischte so laut, dass mir die Ohren weh taten. Dann löste sie sich in Rauch auf und verschwand.

 

Auch mein Traum-Ich war fort. Im selben Moment hatte ich das Gefühl, vor Glück schweben zu können. Ich schloss vor Erleichterung die Augen und kurze Zeit später spürte ich einen kühlen Luftzug. Ich öffnete die Augen und fand mich auf der Straße vor der Schule wieder. Dies war kein Traum gewesen. Die Hauptsache war aber: die Spinne war vernichtet. Die Zeitung hatte doch keine Phantasiegeschichte verbreitet, aber wer würde mir das wohl glauben?

Stundenuhr

(Überarbeitete Fassung, Original vom 15.05.2010)

Wir hatten dicht an dicht
Die Sonn’ zum Mond gestellt
Du schwiegst mir bald von deiner
Ich dir von meiner Welt

Ich lausch’ noch Blau und Gelb
Schlaf’ unterm Uhrenglas
Wir zwei so Meeresgrüne
Sag’ Welt wann war denn das

Ich möcht’ dir immer schreiben
Vom Stolpern und vom Gehen
Von meinem Umherirren
und Tagträume aussäen

So brich doch in mein Leben
Mit deinen Zweifeln ein
Ein Sanddorn wächst in Dünen
Die Jahre sind noch klein

Das Ruder, das es nicht gibt

Einmal hat die Nacht sie gefragt, wie sie das immer hinbekommt: Zielsicher fand sie Menschen, die die Beziehung bestimmten. Die ihre Entwicklung in gewisse Bahnen lenkten und in andere Bahnen nicht. Menschen, die ihr die Mitgestaltung der Beziehung weitestgehend untersagten, die dafür nicht einmal Worte brauchten. Sie verstand die Zeichen blind, die sie aus ihrer Kindheit noch gut kannte.

Es wäre zu leicht gewesen, zu sagen, dass diese Menschen sie nicht sähen, nicht annähmen, wie sie eben sei. Dass sie ihr Ding durchdrücken wollten und ihr keinen Raum gaben, sie nicht nah an sich heran ließen. War das wirklich so? War es nicht ganz anders?

Sie suchte sich Menschen aus, die sie spiegelten. Sie wusste, dass es das ist, was Menschen zueinander hinzieht und brachte es doch fertig, dieses bedeutsame Detail immer wieder auszublenden. Die Nacht räusperte sich und weil niemand sonst da war, wagte sie, in das Dunkle zu sehen, bis es Form annahm.

Selbst wenn es so war, dass der andere Mensch bestimmte, wo es lang ging und wie lang und wie lange, so war er doch ihr Spiegel und darin konnte sie erkennen, dass sie nicht minder den Wunsch hatte, die Situation, die Beziehung zu kontrollieren.

Wenn sie das versuchte, würde ihr gegenüber Abstand nehmen, sie wäre nicht in der Verlegenheit, den anderen nahekommen zu lassen. An den Punkt in ihr, an dem sie Todesangst verspürte. Man kann sterben, wenn man jemandem vertraut, wenn man jemanden so nah an sich heranlässt, dass Bauch und Kehle freiliegen. Das hatte man sie mehr als einmal gelehrt und sie war oft gestorben.

Sie wusste nicht einmal, wie das ist, das Ruder aus der Hand zu geben. Wie das ist, es dem anderen zu überlassen und keine Furcht zu empfinden, dass es gut so sei, dass ihr nichts geschehe, was nicht zu heilen wäre. Dass es vielleicht gar nicht zu heilen gäbe.

Sie wusste nicht, wie das geht, dem anderen zu vertrauen, dass er Nähe wachsen lassen will, die wohltuend ist, statt Nähe, die zerstört. Und wenn sie keine Mauern sehen konnte, dann baute sie sie selbst oder tat einiges dafür, dass ihr Gegenüber es schließlich tat. Sie war perfekt darin geworden und hatte übersehen, dass sie, während sie erwachsen geworden war, sich doch weiter verhielt wie das verletzte Kind.

Bis die eine gekommen war, die sie immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen gehabt hatte. Bis die eine einfach keinen Millimeter von ihrem Kurs abgewichen ist, das Ruder einfach nicht herausgerückt hat und sie sich entscheiden musste, ob sie der einen vertrauen wollte oder nicht. Das Fluchttier in ihr wollte nicht, es bockte und scheute und schnoberte wütend. Sie rannte und rannte, bis sie hinter ihrer Wut erkennen konnte, wie dankbar sie der einen war.

Das andere, das zärtliche Getier in ihr, das sagte, sieh, dir geschieht nichts, außer, dass du zu lernen hast, diesen Blick der anderen auszuhalten. Den, der dich durch alle Welten und Zeiten hindurch staunend betrachtet wie so ein Wunder.

Hast du es gelernt, fragte die Nacht.

Ich weiß es nicht, ich hatte noch keine Gelegenheit, es zu überprüfen. Das lernt sich wohl wie das meiste in Kindertippelschritten.

Wer von euch hat das Ruder denn jetzt in der Hand?

Sie hat es, Nacht, ich habe es nicht. Obwohl, nein, sie hat es ja auch nicht. Wir haben nie aufgehört zu spielen. Wir treiben von Anfang an in einem Boot, das nie mit einem Ruder ausgestattet war.

Sie hat nie um das Ruder gekämpft mit dir?

Nicht ein einziges Mal.

Aber du hast gesagt, sie hat es nie herausgerückt.

Was hätte sie herausrücken können, selbst wenn sie gewollt hätte? Das hat sie mir gezeigt, die ganze Zeit und ich habe es nicht zu sehen gewagt.

Jetzt verstehe ich, wieso sie.

Ich beginne erst zu verstehen, ich spüre nur deutlich. Nacht?

Du brauchst nichts zu sagen. Sie weiß längst darum.

Zu verschenken

+++ Bitte weitersagen an ein Kind, das gerne schreibt. +++

Hallo du,

wir kennen uns nicht, aber wenn du das liest, dann, weil jemand, der dich gern hat, weiß, dass du gern schreibst. Ich finde es ganz toll, dass du Geschichten erfindest. Vielleicht hast du ja schon ein Tagebuch oder ein Notizbuch ganz für dich allein, in das du deine Geschichten aufschreibst.

Als Kind habe ich immer davon geträumt, eine eigene Schreibmaschine zu haben, ich wollte wie ein echter Schriftsteller schreiben und ich wollte, dass meine Geschichten so aussehen wie in einem Buch. Du träumst heute bestimmt eher von einem eigenen Computer. Vielleicht darfst du den von deinen Eltern oder Geschwistern mitbenutzen, aber wäre es nicht auch prima, wenn du immer, wann du willst, deine Geschichten tippen und speichern könntest?

Das Gerät auf dem Photo unten ist ein Computer speziell für’s Schreiben. Du drückst auf die On-Taste und dann kannst du bis zu acht Dateien, also Geschichten anlegen. Und dann brauchst du nur noch loszuschreiben und wenn du fertig bist, machst du das Gerät aus und es speichert automatisch alles, was du geschrieben hast. Du kannst es mit dem Kabel auch an einen PC oder Mac anschließen und wenn der ein Schreibprogramm hat, kannst du deine Geschichten vom Alphasmart an den PC oder Mac schicken und von dort dann drucken.

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Der Alphasmart hat einen kleinen Bildschirm, damit du dich ganz auf das Schreiben konzentrieren kannst und nicht schon dabei überlegst, ob es auch gut ist, was du schreibst.

Ich habe als Erwachsene viele Geschichten mit ihm geschrieben und brauche ihn aber jetzt nicht mehr, weil ich meine Geschichten woanders hineinschreibe. Deshalb würde mich freuen, wenn jetzt du viel Spaß mit ihm hast. Er wiegt nicht viel und passt super in jede Tasche. Eine Hülle schenke ich dir auch dazu. Und wenn du ihn irgendwann nicht mehr haben willst, kannst du ihn ja auch einfach weiterverschenken.

Wenn du den Alphasmart haben möchtest, dann schreibe mir an poetin@posteo.de und falls du dich traust, schicke mir doch eine von deinen Geschichten mit dazu. Ich würde sie sehr gerne lesen und vielleicht werde ich ja dein neuer Fan. Und falls du es willst, veröffentliche ich sie hier im Blog für dich, unter deinem Namen natürlich oder deinem Künstlernamen, falls du einen willst.

Ich freue mich auf Post von dir und wünsche dir viel Freude am Schreiben. Falls ich bis zum 15. März 2014 mehr als eine Antwort bekomme, werde ich den Alphasmart unter allen Kindern verlosen, die mir geschrieben haben und schicke ihn danach auf die Reise.

Viele liebe Grüße
Lilith

Nach Diktat vereist

Einer stellt die Regeln auf für zwei
die ein anderer nicht bricht
fast wie im Spiel ist es
noch neu und warm

Einer stellt die Regeln auf
für den anderen
bis der bricht
so altbekannt und kalt ist es

Der andere stellt die Regeln auf
ganz für sich allein
fast wie im Spiel ist es
noch neu und warm bricht er

aus

Wie Geschichten enden

Der Tag, an dem ich aus deinem Leben ging, ganz ohne ein Wort, war der Tag, an dem du mich mit keinem Wort von dir zurückgehalten hast. Wir haben es beide bemerkt, für uns im Stillen, und gewusst, der andere hat es auch bemerkt. Weil wir ja so erwachsen sind, haben wir darüber geschwiegen, man hat es ja schließlich nicht gern kompliziert in unserem Alter, da hat man doch das Drama und die Verletzungen, diese gegenseitigen Misstrauensvoten schon hinter sich, nicht wahr?

Weißt du, manchmal frage ich mich, ob wir es nicht einfach totgeschwiegen haben, aus lauter Angst, etwas herbeizureden, was nicht da wäre. Aus lauter Angst, wir könnten einander auf die Pelle rücken, gingen wir uns nur so weit unter die Haut, wie es nicht schmerzen konnte. Es durfte nicht schmerzen, was ich dir war, was du mir warst. So Erwachsene wie wir, die sind dem doch längst enthoben.

Am Ende wusste ich immer weniger, wer du bist. Was sollte ich anfangen mit einem Wesen, das sich immer mehr entzog und meinen Wunsch nach Nähe scheute, als ob ich es nicht berühren, sondern gefangen nehmen wollte? Da bleibt nichts zu tun, als zu gehen. Allein. Nicht als Beweis, dass ich dich frei lasse, du immer frei warst, nein, Carlita, der hätte dir nichts gegolten. Ich bin gegangen, weil ich nicht in deinen Augen sehen wollte, wie du mich zu deinem Feind erklärst. Wie du aus mir jemanden zu machen versuchst, der zu viel will, der fordert, der deine Kreise stört und dein wohlsortiertes Leben in Unruhe versetzt.

Bei all den letzten Malen habe ich es in deinem Blick aufflackern sehen, etwas Hastiges, nur noch brüchig versteckt. Deine Schultern haben ihre Vokabeln verändert gehabt, ich habe die Tundra auf deiner Haut gesehen. Dieses Bild, das ich glaube, das du von mir hast, das will ich nicht sein für dich. Und doch ist es so gekommen.

Manchmal frage ich mich, ob ich Ja gesagt hätte, wenn nicht nur dein Herz, sondern auch deine Arme offen gewesen wären. Ich weiß es nicht zu sagen, aber wenn, so hättest du mich zittern sehen wie die Oberfläche eines Sees, wenn jemand einen Kiesel in ihn geschnickt hat. Vielleicht wärest dann du gegangen, vielleicht hättest du nicht die sein wollen, die du in meinen Augen hättest sehen müssen dann.

Am Anfang stand uns die Zeit zur Seite, bis wir merkten, dass es sie gar nicht gibt. Danach sind alle Räume geschwunden, die wir zuvor geweitet hatten zu ganzen, neuen Universen. Dann ist die Wüste gekommen, direkt bis vor unsere Türen, und hat den Ozean und unsere Marianengräben sich unaufhaltsam einverleibt. Unaufhaltsam? Nein, Carlita, so ist es nicht gewesen.

Wir hätten die Wüste aufhalten können. Mit einem Blick, mit der noch so geringsten, zärtlichen Geste, meinst du nicht auch? Zuerst habe ich gedacht gehabt, wir wären feige gewesen, einer mehr als der andere. Doch viel später habe ich verstanden, dass einer nur nicht das gleiche, dasselbe gewollt hat wie der andere. Das ist dem anderen dann zu kompliziert. Dabei ist es im Grunde ganz einfach.

Geschichten enden manchmal so, einer geht, einer bleibt, es wird viel geschwiegen. Dann ist es so leise und es schmerzt nur dann, wenn man sich unglücklich am Tischbein ausgerechnet diese Kruste am Knie anstößt. Das sagt sich der, der geht, vielleicht auch der, der bleibt, denkt er. Nein, gewiss sogar, man hat die Geschichte ja nicht zum ersten Mal und schon in jeder Rolle erlebt.

Manchmal enden Geschichten so auch nicht, selbst wenn es danach aussieht. Aber das ist dann eine andere, Carlita, die erzähle ich dir später.