Beim Lesen von Hemingways kürzester Geschichte

Es heißt nicht von ungefähr Trauerjahr. Ein Jahr der Trauerarbeit, ein Jahr Zeit, zu lernen, ohne den anderen weiterzuleben, sich nicht mehr in Erinnerungen zu verstricken, wieder in die Sonne zu blinzeln, wieder präsent zu sein im Jetzt.

Vielleicht genügt das oft, ein Jahr, so Pi mal Daumen, bis der Sturm sich beruhigt hat und die Böen erst seltener kommen und dann weniger heftig. Bis der Schmerz abstrakt wird und nicht mehr körperlich ist.

Vielleicht genügt das oft, ein Jahr, wenn der andere nicht Teil deiner Zellen war, wenn der andere nicht dein Kind war, das in dir gewohnt hat, das dein Körper nicht bis zur Geburt sicher zu tragen vermochte.

Es reicht nicht ein Jahrzehnt beim ersten Mal, es reichen nicht zwei Jahre beim zweiten Mal. Jede Geburt in deinem Umfeld bringt den Sturm zurück und den Schmerz, der körperlich ist. Der Duft einer Babystirn ist dein Manna und ist dein Kryptonit.

Der Wind gibt dich nicht mehr her, er lehrt dich, auf ihm zu treiben, in ihm zu treiben, er lehrt dich zu atmen wie ein Wassertropfen. In den Zeiten zwischen den Stürmen bist du schrecklich vernünftig, es ist ja alles gut, so, wie es ist, nicht wahr.

In den Zeiten der Stürme bist du schrecklich unvernünftig, es ist ja alles gut, so, wie es ist. Es gibt nichts zu tun, nichts, an dem du rütteln müsstest, du brauchst nur geduldig zu sein und sieh nur, Nichts reicht dir die Hände.

Herbst

Die Blätter sagen, das Segeln fiele leichter im Morgendunst, wenn keiner schaut. Von gestern sind die Stoppelfelder, die tiefen Furchen, heut’ sprießt schon Wintersaat. Den Gänsen sind die Mauersegler still voraus geflogen, kein helles Kreischen mehr, keine schwarzen Schnitte im Himmel, aber noch sind die Kraniche hier. Ist die Goldrute nicht zu schnell verblüht? Wo sind all’ die Pflaumen hin, die Äpfel, die Birnen? Wer pflückte die Brom- und Heidelbeeren über Nacht? Wer trug den Reichtum in die Kammern?

Die Sonne gehe jetzt in den Süden, so heißt es im Mittagsmagazin. Warte, ich will dir noch winken, möchte eine rufen und bleibt doch stumm, zwirbelt das rote Ahornblatt zwischen Daumen und Zeigefinger, pfeift auf dem letzten frischen Gras und sieht Schmetterlingen beim Schlüpfen zu.

Der Milan bleibt ihr, der rufende Tröster, wenn der Frost kommt und dann des Herbstes Bruder, zieht er weiter seine ruhigen Kreise vor weiß auf blauem Grund. Noch ist etwas Zeit, die Farben sammeln sich zum letzten Aufbäumen, sie liegt noch mal im T-Shirt auf warmer Erde und blinzelt nach oben, nimmt tiefe Atemzüge, nimmt das Proviant zu sich, am Straßenrand verkaufen sie Walnüsse und Hokkaido aus den Gärten.

Sie sagt, das Segeln falle leichter im Morgendunst, wenn keiner schaut. Da schwimmt sie auf Pfützen, bedeckt Feldraine und Rasen, den nun keiner mehr mäht. Sie schneidet keine schwarzen Schnitte mehr in den Himmel, sie zieht ruhige Kreise, in ihr sprießt schon die Wintersaat.

Ein Lidflattern genügt in diesem seltsamen Jahr, schon hat sich die Jahreszeit gewandelt. Ein Lidflattern genügt in einem Leben schon, sie streckt ihre Äste aus, bevor der Frost kommt. Sie feiert und liebt ihn wild, den Farbenwandler, der das Erneuern vorbereitet. Spät ist ihr Sommer, die Sonne schickt sich an, in den Süden zu gehen, alles wandelt sich, doch die Ernte ist reich.

Vielleicht der schönste Anglizismus von allen

Ein Commitment einzugehen, das fällt mir nicht immer, aber manchmal doch recht schwer. Hat letzten Endes viel damit zu tun, wie sehr ich bereit bin, mir selbst etwas Gutes zu tun, liebevoll mit mir selbst zu sein und Nähe zu anderen Menschen zuzulassen. Wobei gut nicht spaßig bedeutet, sondern eher freudvoll, herausfordernd, wohltuend, inneres Wachstum auf allen Seiten fördernd.

Ich könnte zig Essays über das Thema Commitment schreiben, weil ich das ziemlich spannend finde, aber zu meinen aktuellen Commitments gehört, nicht wie sonst ständig neue Themen zu erforschen, sondern vorrangig am Roman zu arbeiten und etwas für die körperliche und seelische Gesundheit zu tun. Deshalb jetzt nur ein kurzes Herantasten.

Commitment ist einer der sinnvollen Anglizismen, wie ich finde, mir fällt spontan kein deutsches Wort ein, das so nah am lateinischen Ursprung committere ist. Wir machen daraus “sich (verbindlich) verpflichten” und da Pflicht leider oft negativ mit einem “Muss” konnotiert ist, wich ich gern doppelt vor Commitments zurück:

Damals mochte ich nicht sehen, dass es große Unterschiede gibt zwischen Müssen und Müssen und Verbindlichkeit setzte ich gleich mit unwiderruflicher Auslieferung an einen anderen Menschen, quasi Gefangenschaft. Mit den Jahren habe ich es mit anderen, gesunden Inhalten füllen können und die Verantwortung für mich selbst zu übernehmen und für meine Freundschaften, für meinen Hund, für meinen Roman lehrt mich, dass es gar nicht schlimm ist, sondern das Leben sehr bereichert, sich (einem) Menschen oder einer Sache zu verpflichten, solange ich gut bei mir selbst bin.

Commitments einzugehen lehrt mich, dass Verbindlichkeit und Selbstverpflichtung, die Freiheit zu nehmen scheinen, sie mir an anderer Stelle wiederschenken, in der für mich am kostbarsten Weise. (“Niemand ist eine Insel” und so.)

Lateinisch Committere heißt u. A. “in Obhut geben”. Das trifft ziemlich schön, als was ich ein Commitment heutzutage sehe. Ich entscheide mich dafür, mich in die Obhut meiner Selbst, einer Beziehung, einer Freundschaft, einer Arbeit, eines Projektes, einer Lebensweise zu geben.

Vertrauen wiederum heißt, fragt man die Gebrüder Grimm und ihr Wörterbuch, “tiefer als trauen”. Ich vertraue mit allen Ängsten, die mich bei einem Commitment begleiten mögen darauf, dass diese Ängste nicht (dauernd) ausagiert werden müssen, sich auflösen dürfen, weil ich in jedem Commitment an andere Menschen oder eine Sache gut für mich selbst sorge. Dann kann ich mich auch verletzlich zeigen und auch verletzt werden, ohne gleich zu befürchten, zu großen Schaden davon zu nehmen.

Commitment bedeutet für mich, tiefer als trauend mich in Obhut zu geben. Bin ich gut in meiner eigenen Obhut aufgehoben, brauche ich andere Commitments nicht zu fürchten, ich brauche sie nur darauf zu prüfen, ob sie die stimmigen sind für mich zu dem Zeitpunkt, an dem sie als Möglichkeit in meinem Leben auftauchen. Ein Commitment ist nicht für die Ewigkeit in Stein gemeißelt, es ist allerdings mein ganz bewusstes, erklärtes Ja dazu, vollen Einsatz zu bringen, mich hinzugeben, verletzlich zu sein und zu vertrauen.