18. Türchen

Schneeweiß die Blume blinzelt
Leis’ aus dem Trümmerfeld
Es ist das Haus verlor’n
Doch nicht die ganze Welt

Die Blume nimmt das Mädchen
Bei seiner Blätterhand
Bedeckt die wilden Tränen
Mit Blüten allerhand

Im Garten steht die Frau
Der Krieg ist lange aus
Schneeweiß ihr Blumenhaar
Und hinter ihr ein Haus

17. Türchen

Es galt, mein Aufatmen vor den Eltern zu verbergen, wenn Tante Gerda die Tür hinter uns geschlossen hatte und ich dem Nelkenduft der Weihnachtsplätzchen aus ihrer Wohnung entronnen war. Das wäre nicht höflich gewesen und meine Eltern legten größten Wert darauf, dass ich mich höflich verhielt, auch wenn es beinhaltete, dass ich lügen musste und Lügen waren ebenfalls nicht erlaubt.

Ich hatte aufgehört, wegen solcher Dinge bei meinen Eltern nachzufragen, sie mochten es nicht, wenn ich sie auf Widersprüche in ihren Aussagen, ihrem Verhalten und in der Welt im Allgemeinen hinwies. “Sei nicht so altklug und naseweis”, sagte meine Mutter. “Du hast von gar nichts eine Ahnung, du freches Gör”, sagte mein Vater. So lernte ich zu schweigen und zu lügen und wann was von beidem dran war. Ich wunderte mich zwar immer noch über so ziemlich alles, was Menschen taten oder nicht taten, aber ich stellte die Fragen nicht mehr laut.

Ich weiß heute, dass Menschen oft lügen, weil sie glauben, sie wollten damit einen anderen Menschen davor bewahren, verletzt zu werden. Ich denke noch immer, dass sie vor allem deswegen lügen, weil sie nicht aushalten wollen, einen anderen Menschen verletzt zu erleben. Auch ich lüge manchmal aus Höflichkeit oder besser, aus Bequemlichkeit, aber wo es wirklich wichtig ist, tue ich den Menschen lieber weh und halte ihr Weh auch aus.

Oft genug ist es dann gar keins oder wir entdecken zusammen, dass dem Schmerz, den ich zugefügt habe, ein ganz anderer, älterer Schmerz beim anderen zugrunde liegt. Das ist oft viel schöner gewesen als zu behaupten, dass ich Plätzchen mit Nelkenduft über alles liebe. Tante Gerda ist lange tot, meine Eltern auch. Die Widersprüche in den Menschen sind dafür sehr lebendig geblieben und ich übe, meinem Fragen und Wundern wieder eine Stimme zu geben.

16. Türchen

Das Plasma wallt in einer Lampe
Und träumt, es sei gar nicht verwaist,
Dass es ins Weltall schöss’ mit Rampe
Und weit zu der Familie reist.

Verzweifelt sucht’s nach einem Loch,
Durch das es schlüpfen könnte, flüchten.
Es scheint die Müh vergebens, doch
Noch ist der Traum nicht aus, mitnichten.

Der Mensch, bei dem die Lampe steht,
Wirft sie beim blitzblank Putzen runter.
Das Plasma mit ‘nem Knall verweht
Ins All ganz froh und munter.