Be careful

Wir hocken alle auf dem Boden, meine Wünsche und ich. Sie sind oft hier in letzter Zeit, weil ich sie mir endlich anzusehen wage. Bequem ist das nicht und sie nehmen viel Raum ein hier in meiner kleinen Hütte. Manchmal möchte ich aufstehen und den Raum verlassen, für immer, einfach gehen ohne mich noch einmal nach ihnen umzusehen.

Seit kurzem sagen sie mir, was sie von mir wollen, was mein Part wäre und mir fällt immer nur das Zitat aus “Out Of Africa” ein, wo Robert Redford zu Meryl Streep oder umgekehrt sagt: “Be careful what you wish for because you might get it.” und ich frage mich, wieso mir das in der Regel viel zu spät einfällt und was wäre, wenn sich manche von ihnen erfüllten.

Jetzt soll ich mich für sie erfüllen, jetzt bin ich dran, sagen sie und ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Dann rauche ich eine, obwohl ich das Rauchen schon lange nicht mehr leiden kann, ich schinde Zeit, vollkommen klar. Was soll ich meinen Wünschen sagen?

Hier, so ist das Leben, ja, damit kann ich es versuchen, denke ich und manche von ihnen lachen kurz und hart auf. Andere schauen mich mit schreckgeweiteten Augen an. Ist das alles? Das ist nichts!

Ja, das ist alles, sage ich, das ist nichts, das müsst ihr aushalten lernen mit mir, dass das Leben so ist und nicht anders und dass es nur anders ist, wenn man das So akzeptiert. Meine Wünsche verlangen nach einem Whiskey, ich sage, ich habe nur Kirschwein, aber dass das auch nichts nutzt und dass wir besser daran täten, uns tief in die Augen zu sehen. Irgendwer hebt an zu “We shall overcome”, wird aber von ein paar Blicken zum Schweigen gebracht.

Wir müssen uns entscheiden, sagen meine Wünsche, ich sage, das geht mir nicht anders. Woher sollen wir wissen, dass du die Richtige für uns bist? Ich habe keine Antwort darauf. Wir werden sehen, sage ich, und ein Wunsch schiebt seine Hand in meine. Wir werden sehen, sagt er in die Runde, leert sein Glas und küsst mich auf die Stirn.

Alt werden ist nichts für Feiglinge, das gilt auch für Wünsche, denke ich und gehe rüber ins Schlafzimmer. Morgen werden sie wieder da hocken, noch immer, sie werden mich wieder fragen, wann. Ich weiß es nicht, könnte ich sagen und versuchen, weise zu klingen. Aber ich ahne, dass ein “Ich weiß es nicht” auch ein gutes Versteck vor mir selbst abgibt, wenn ich nicht wachsam genug bin.

Beim Lesen von Hemingways kürzester Geschichte

Es heißt nicht von ungefähr Trauerjahr. Ein Jahr der Trauerarbeit, ein Jahr Zeit, zu lernen, ohne den anderen weiterzuleben, sich nicht mehr in Erinnerungen zu verstricken, wieder in die Sonne zu blinzeln, wieder präsent zu sein im Jetzt.

Vielleicht genügt das oft, ein Jahr, so Pi mal Daumen, bis der Sturm sich beruhigt hat und die Böen erst seltener kommen und dann weniger heftig. Bis der Schmerz abstrakt wird und nicht mehr körperlich ist.

Vielleicht genügt das oft, ein Jahr, wenn der andere nicht Teil deiner Zellen war, wenn der andere nicht dein Kind war, das in dir gewohnt hat, das dein Körper nicht bis zur Geburt sicher zu tragen vermochte.

Es reicht nicht ein Jahrzehnt beim ersten Mal, es reichen nicht zwei Jahre beim zweiten Mal. Jede Geburt in deinem Umfeld bringt den Sturm zurück und den Schmerz, der körperlich ist. Der Duft einer Babystirn ist dein Manna und ist dein Kryptonit.

Der Wind gibt dich nicht mehr her, er lehrt dich, auf ihm zu treiben, in ihm zu treiben, er lehrt dich zu atmen wie ein Wassertropfen. In den Zeiten zwischen den Stürmen bist du schrecklich vernünftig, es ist ja alles gut, so, wie es ist, nicht wahr.

In den Zeiten der Stürme bist du schrecklich unvernünftig, es ist ja alles gut, so, wie es ist. Es gibt nichts zu tun, nichts, an dem du rütteln müsstest, du brauchst nur geduldig zu sein und sieh nur, Nichts reicht dir die Hände.

Herbst

Die Blätter sagen, das Segeln fiele leichter im Morgendunst, wenn keiner schaut. Von gestern sind die Stoppelfelder, die tiefen Furchen, heut’ sprießt schon Wintersaat. Den Gänsen sind die Mauersegler still voraus geflogen, kein helles Kreischen mehr, keine schwarzen Schnitte im Himmel, aber noch sind die Kraniche hier. Ist die Goldrute nicht zu schnell verblüht? Wo sind all’ die Pflaumen hin, die Äpfel, die Birnen? Wer pflückte die Brom- und Heidelbeeren über Nacht? Wer trug den Reichtum in die Kammern?

Die Sonne gehe jetzt in den Süden, so heißt es im Mittagsmagazin. Warte, ich will dir noch winken, möchte eine rufen und bleibt doch stumm, zwirbelt das rote Ahornblatt zwischen Daumen und Zeigefinger, pfeift auf dem letzten frischen Gras und sieht Schmetterlingen beim Schlüpfen zu.

Der Milan bleibt ihr, der rufende Tröster, wenn der Frost kommt und dann des Herbstes Bruder, zieht er weiter seine ruhigen Kreise vor weiß auf blauem Grund. Noch ist etwas Zeit, die Farben sammeln sich zum letzten Aufbäumen, sie liegt noch mal im T-Shirt auf warmer Erde und blinzelt nach oben, nimmt tiefe Atemzüge, nimmt das Proviant zu sich, am Straßenrand verkaufen sie Walnüsse und Hokkaido aus den Gärten.

Sie sagt, das Segeln falle leichter im Morgendunst, wenn keiner schaut. Da schwimmt sie auf Pfützen, bedeckt Feldraine und Rasen, den nun keiner mehr mäht. Sie schneidet keine schwarzen Schnitte mehr in den Himmel, sie zieht ruhige Kreise, in ihr sprießt schon die Wintersaat.

Ein Lidflattern genügt in diesem seltsamen Jahr, schon hat sich die Jahreszeit gewandelt. Ein Lidflattern genügt in einem Leben schon, sie streckt ihre Äste aus, bevor der Frost kommt. Sie feiert und liebt ihn wild, den Farbenwandler, der das Erneuern vorbereitet. Spät ist ihr Sommer, die Sonne schickt sich an, in den Süden zu gehen, alles wandelt sich, doch die Ernte ist reich.