Vom Knacken der Weintrauben

“Ich muss grad mal ein paar Weintrauben essen, ich hoffe, es stört dich nicht”, sage ich und versuche, möglichst leise zu kauen. “Nicht leise essen”, sagst du am anderen Ende der Leitung, “das ist so ein schönes Geräusch.” Du lachst, als ich die Weintrauben nun extra laut für dich knacke. Wir brauchen nicht zu erwähnen, was wir mit den Weintrauben täten, wärest du jetzt hier bei mir. Oder mit unseren geliebten Himbeeren, die so perfekt auf Fingerspitzen passen.

“Mein Kind, du bist verrückt, du musst nach Berlin”, sage ich zwischen zwei Trauben, und du lachst wieder. Dein tiefes, rollendes Lachen, das ich so unwiderstehlich finde. “Wir könnten im Park auf der Wiese herumkullern.” “Ich weiß”, sagst du. Wir sehen uns nicht oft, vielleicht ein Mal alle 12 bis 18 Monate und wenn wir uns sehen, schlafen wir gern miteinander. Nicht jedes Mal, nur dann, wenn uns im Moment auch danach ist. Freundschaft plus wird das ganz modern genannt. Ich fühle mich nicht modern. Nicht so platt modern. Das “plus” klingt viel zu lapidar für das Gesicht der Liebe, das wir teilen. Für die Freude, die wir über uns empfinden und die Freude, die wir mit der anderen teilen, wenn sie ihr Herz auch für andere Menschen öffnet.

Wir haben das noch nie benennen müssen, was zwischen uns ist, um Klarheit zu spüren. Das ist sicher nicht immer so und weil es bei uns so ist, ist es mir fast noch kostbarer als eh. Wir brauchen das nicht mehr, uns einander zu versichern, wir sind nicht permanent auf Sendung, damit die andere weiß, die eine geht nicht weg. All das haben wir hinter uns gelassen. Wenn ich wochenlang nichts von dir höre, dann ist es zwischen uns nicht im Sande verlaufen. Wenn ich abtauche, dann zweifelst du nicht. Dann kennen wir uns trotzdem noch, “when I’m 64”.

Du bist kein “friend with benefits” für mich. Der Sex mit dir ist nicht das Sahnehäubchen, das kleine Schmankerl für ein Untervögeltsein. Nicht der Ersatz für den Rausch einer frischen, romantischen Zweierbeziehung, die ich nicht habe und als Zweierbeziehung gar nicht mehr brauche und will. Der Sex mit dir ist mir Geschenk, ganz natürlicher Ausdruck unserer Verbundenheit, so, wie es unsere Umarmungen sind, unsere Lachanfälle, unsere erhitzten Diskussionen über Themen, die uns beide begeistern. Der Sex mit dir ist eine Variante unter vielen, mit der wir uns unsere Zuneigung ausdrücken. Er ist keine Krücke, sondern Teil des Fundaments, auf das wir bauen.

Ich weiß keine andere, die mir sagt, dass ich mit den Weintrauben doch ein bisschen lauter knacken möge. Keine andere, die dann prustet und schnaubt vor Lachen, wenn ich ihr den Gefallen tue. Keine andere, die genau so Freude daran hätte, wenn ich auch mit einer anderen Weintrauben- und Himbeerdinge anstellte und Sex hätte oder eine Liebe teilte. In so einem Moment weiß ich wieder ganz genau, weshalb ich dich liebe. “Wenn du jetzt hier wärst, würde ich dich vernaschen”, sage ich. Dein Lachen wird noch tiefer und lauter. “Ich dich auch”, sagst du und dann legen wir behutsam auf.

Bauch an Bauch Gefühl

Wie mühelos wir vom Geplänkel zur Zärtlichkeit wechseln. Gerade noch hat ein Wort von dir mir einen Satz rote Ohren verpasst, dass ich kaum wusste, wohin mit mir in der Stille danach. Sinnlos mir einzubilden, du habest es nicht gemerkt, bist du doch eine der feinsinnigsten Beobachterinnen, die ich kennen lernen durfte. Ich spüre deinen Blick auf meiner rechten Wange ruhen, ganz ruhig und liebevoll, dass ich die Scham ablegen kann, dass ich genießen kann und weiß, ich muss nichts sagen, das Lächeln in meinen Mundwinkeln genügt dir.

Wir mäandern zwischen den Themen, plötzlich kann ich die junge Frau sehen, unpassenden Kommentaren ausgesetzt. Ich spüre die alten Verletzungen und das weite, große Herz, das sie geheilt hat. Dieses Herz, das andere nimmt, wie sie gerade eben sind und wo sie stehen mit sich und ihrem Leben. Ich übe das noch, so weich zu werden wie du, und dabei sorgsam genug mit meinen Grenzen zu sein. Und ich spüre die Löwin in mir, die will, dass niemand hingehe und deinen Rosengarten achtlos zertrampele. Ich will dich blühen sehen, immer wilder noch als eh.

Dann frage ich dich und du lässt mich nah sein, vertraust mir, so gut du es schon kannst und wir finden uns wieder Bauch an Bauch. Lang ist die Umarmung und warm. Unsere Körper schmiegen sich ineinander ohne Furcht, wir wiegen uns ohne ein Wort. Du bleibst stark, ich weiß nicht genau, ob mehr für dich oder mich, doch ein Teil von dir gibt sich hin, hinein, lehnt sich in mich und an mich und meine Arme und Hände wissen plötzlich, wie das geht, Halt zu schenken, ohne groß Aufhebens darum zu machen.

Wenn du mir in die Seele blickst, weiche ich nicht aus. Das ist ungewöhnlich für mich, das brächte mich sonst ins Schlingern, und bald schon ließe ich die Schotten herunter. Freundlich bliebe ich, doch vorsichtig. Mit dir brauche ich das nicht. Ich habe mich verändert, doch du machst es mir leicht, die Veränderung auch zu leben. Nicht wieder nur in Theorie zu schwelgen und an der Praxis zu scheitern. Manchmal noch bin ich sehr verlegen, aber auch das nimmst du als Geschenk.

Das Ungesagte zwischen uns ist mir so kostbar wie deine Worte und Gesten. Wir haben eine gemeinsame Entdeckungsreise begonnen. Kein Grund zur Hast, wir haben ja alle Zeit. Deine Lippen drücken sich fest auf meine, halb offen, nicht begehrlich, ruhig, wie unsere Begegnung. Tief aus mir steigt Zärtlichkeit für dich, unzähmbar, dass ich zerspringen könnte. Ich sage nichts, wo Worte eh nicht hingelangen können.

Jetzt kann ich dich etwas verlegen erleben, fast verwundert siehst du mich an. Ich könnte leugnen, ich könnte meinen Blick verschleiern, doch ich setze uns meiner Zärtlichkeit aus, so wie du es mit deiner für mich tust. Dein kaum merkliches Zögern löst sich auf, du weichst mir nicht aus, und ich bin der reichste Mensch der Welt. Wir sind mitten in einem Abenteuer, das sich nur mit Leidenschaft erleben lässt für das, was wir tun. Einig sind wir uns, dass die Göttin uns zueinandergeführt hat, uns ineinander verzahnt und dass es gut ist.

In mir ist es still, ich bin eine wandelnde Meditation in diesem raschen Fluss der beständigen Veränderungen. Unsere Hände verflochten ein Ruhepol, Start- und Landebahn. Komm, wirf noch mal deinen Kopf zurück und schütte dich aus vor Lachen, und dann wage zu sehen, wie schön und lieb du mir bist, so ganz du und ungestutzt. Dann wage zu hören, wie du mich ansteckst mit deinem Lachen und ich dich mit meinem und wie wir ein Freudenfeuer werden und nicht müde werden zu brennen für das, was uns wichtig ist. Und dann, dann küss mich noch mal, Bauch an Bauch, und langsam.

Sommer in Berlin

Hotpantsdschungel, tanzende Lippen unterm Sonnenbrillenmeer, der Wind fegt heiß um Häuserecken. Kollektives Kleben, noch kein Murren, stattdessen beinahe verschwörerische Ergebenheit. Balin, in dir schwitzen wa jerne. Überhaupt, du olle Hippe, lächelst janz schön fülle dieser Tage, so kenn’ wa dir ja nich’, aber so lieben wa dir. Jeder Tag ein Abenteuer, deine Quirligkeit, die mir zu viel geworden war, die habe ich vermisst. Deinen Charme, den rotzigen und dreckigen. Deine Gesichter, die unzähligen, deine bewegten Gesichter mit den Lebenslinien, deine Romangesichter.

Deine Musik ist mir laut, noch immer zu laut und da, wie still es ist inmitten, nur einen Schritt zur Seite auf den Friedhof oder in die kleine Straße. Du verwunderst mich noch immer, da ist die alte Kneipe, die gab es bestimmt schon vor meiner Geburt an genau der Ecke. Und all die kleinen Läden, die Ausprobierer und Hier-geht-noch-was-Träumer, die den Mythos lebendig halten. Du bist noch immer die schönste und pleite ist fast eine Auszeichnung. Hier kannst du noch das tun, wofür dein Herz schlägt und alle, deren Herz genauso klopft, die nicken dir stumm zu, die zwinkern hinter ihren Sonnenbrillen.

Kreuzberg mein, was habe ich dich vermisst! All die schönen Frauen, ich habe das gar nicht mehr gewusst. Meine Hand auf die Backsteine der restaurierten Markthalle lege ich, hier höre ich den Puls des Kiezes, in dem ich so gern zu Hause gewesen war. Noch etwas weiter lasse ich mich treiben, stundenlang möchte ich dir zusehen und dich einatmen, mein Vibrieren spüren und getränkt und gesättigt von dir mit einem Lächeln einschlafen. Du schläfst ja doch nicht, Berlin, du beobachtest mich, wie ich seufze und von dir träume und Abenteuer zähle wie vorher die Stunden eines ewig gleichen Tages. Wie leise vergnügt du dann lachst und mich wachküsst, weil ich gar nicht mehr träume.

Lass uns küssen, Berlin. So richtig, mit Zunge. Und sehen, wohin das führt mit uns. Vielleicht ziehe ich ja wieder bei dir ein.