24. Türchen

Ihr Lieben,

herzlichen Dank für all eure Wortinspirationen. Heute gibt es die letzte Geschichte aus dem Literarischen Adventskalender, aber ich nehme für mich viel aus dieser Zeit mit, das den Dezember lange überdauern wird.

Ich hoffe, ihr habt wie ich Freude am Kalender gehabt.

Für die Jahresendzeit und das neue Jahr wünsche ich euch, dass ihr gesegnet seid in allem, dass ihr genießen und präsent sein könnt.

Auf bald!

Lilith

Jetzt aber:

“Ein opulentes Jahr”, näselte Frau Kichererbse, “finden Sie nicht auch?” “Durchaus, Madame, durchaus. Gepfeffert gezuckert, wenn Sie mich fragen.” Ihr Nachbar Monsieur Potpourri wurschtelte an den Rosen herum. “Wird Zeit, sie zu bedecken, nicht wahr?” “Der Winter kommt, Madame. Zeit, die Herzen warm zu halten.”

“Es war nicht leicht, ja. Ein Grog kann auch nicht schaden, Monsieur. Dabei lässt sich so schön Revue passieren und Geschichten spinnen.” Sie blickte dem Witwer in die Augen. “Ganze Netze voll Geschichten, Madame, wie ein warmer Mantel.” Monsieur Potpourri seinerseits blickte der Witwe Kichererbse ebenfalls tief in die Augen. “Die Kinder auf den Seychellen, Madame?” “Wie jedes Jahr, Monsieur. Um 15 Uhr dann?”

“Um 15 Uhr, Madame. Besitzen Sie zufällig einen Plattenspieler?” “Aber ja, mein Herr.” “Dann werden wir ein gemeinsames Lied haben, Madame.”

Hätte jemand um 17 Uhr ins Fenster von Frau Kichererbse gesehen, er hätte zwei leere Gläser sehen können und zwei Menschen, die Wange an Wange tanzten. Wäre jemand um 21 Uhr an ihrem Haus vorbeigekommen, hätte er zwei Menschen sehen können, die es gerade verließen und, noch etwas schüchtern, Hand in Hand unterm Geläut der Glocken in den leergefegten Gassen der Altstadt spazieren gingen. Ihre Spuren die ersten im Neuschnee.

Er hätte sich vielleicht gefragt, wie diese zwei Menschen miteinander verbunden waren und sich an der Achtsamkeit erfreut, mit der die beiden sich begegneten. Er hätte vielleicht gedacht, wie kostbar es ist, das Leben mit anderen Menschen zu teilen und wie wunderbar, dass das auch im Alter noch möglich ist.

Dann wäre er achtsam weitergegangen, er wurde ja schon freudig erwartet.

23. Türchen

Sie hat es noch vor dem Anruf gewusst, dem Anruf, den kein Mensch bekommen möchte: “Wir haben einen Unfall gehabt.” Vielleicht ist es Telepathie gewesen, wer weiß das schon. Seit Wochen hat sie Vorahnungen von einem schrecklichen Unfall, die sie versucht hat zu ignorieren, seit zwei Nächten hat sie Albträume, dass ihre Lieben in Lebensgefahr schweben. Ihr ist egal, wie alles zusammenhängt, sie hat nichts verhindern können. Wichtig ist nur, dass sie den erlösenden Satz hören darf: “Wir sind alle unverletzt.” Das stimmt zwar nicht ganz, aber das Wunder ist auch so unfassbar groß.

Das Auto ist geschleudert, geflogen, hat sich überschlagen und ist auf dem Dach im Graben gelandet, Totalschaden. Die Seelen werden Zeit brauchen zu heilen und die Gesundheit der einen Freundin auch. Und doch: keine Knochenbrüche, keine Schnitte, keine inneren Verletzungen, soweit man das feststellen kann. Kein Baum, der den Flug brutal gestoppt hätte, der Graben, der Auffangmulde wurde statt Rampe für den Weiterflug, keine Explosion. Dafür Menschen, die beherzt geholfen haben.

Ihr wird wieder einmal bewusst, wie sehr sie mit genau diesen Menschen und Hunden leben will, wie tief sie sich verbunden fühlt, sie, die sie sich nie hat binden wollen. Sie weiß nicht, wie sie das hätte überleben können, wenn man ihr mitgeteilt hätte, dass. Sie mag auch nicht darüber nachdenken. Was auch immer das für behütendende Kräfte sind, die für uns wirken, sie ist sicher, dass sie ihre Familie heute ganz besonders aufmerksam und liebevoll begleitet haben.

Sie feiert Weihnachten nicht, aber dieses Jahr wird sie ihr persönliches Wunder feiern. Sie kann nur noch lachen über all das Drama, das Menschen fast zwanghaft sich selbst und einander künstlich zu bereiten pflegen, sie kann das jetzt nicht mehr ernst nehmen, jetzt nicht mehr. Die Triebfeder allen Lebens ist Liebe, es gibt keinen Unterschied zwischen den beiden, das ahnte sie immer, das weiß sie jetzt mit jeder Zelle.

Heute hat das Leben sie wieder Demut gelehrt. Jetzt bleibt ihr nur ein Satz:

“Danke — und schnallt euch an, immer.”

22. Türchen

“Im Einzugsgebiet eines Nachttraums zaudern manchmal die Sekunden. Es ist, als scheuten sie die Schwelle, als wüssten sie, dass es sie dahinter nicht gibt.

Sie sehen einander an, wer von ihnen den ersten Schritt machen soll, sie schubsen sich und drängeln und türmen sich zu Bildern auf, die schließlich den Damm einreißen.

Im Nachttraum gibt es kein Bewusstsein für das Ringen an der Schwelle, kein Bewusstsein für die Erfindung, die die Menschen Zeit genannt haben. Der Schlaf nimmt alle Grenzen in sich auf und dehnt sie im Traum. Sekunden sind wieder ewiges Leben, dem Schöpfertum stehen keine Gesetze im Weg, an denen sich der Mensch begreift und entlang hangelt.”

Ich lauschte meinem Lehrer, bis ich es nicht mehr aushielt: “Was willst du damit sagen? Dass wir wacher sind, wenn wir schlafen? Dass wir im Traum wissen, dass wir in Wirklichkeit am Tag träumen?” Mein Lehrer lachte.

“Und wenn es wirklich so wäre, gibt es einen Weg, wach zu sein außerhalb des Schlafes?” “Gibt es ein außerhalb?” Die hochgewachsene Gestalt meines Lehrers warf einen langen Schatten über mich, als er aufstand und mich mit mehr Kopfnüssen zurückließ als ich zu ihm getragen gehabt hatte.