Vom Recht auf Fremdheit in der Fremde

Was kann ich zur aktuellen Debatte über den Strom an Menschen in Not gen Europa, gen Deutschland beitragen, das nicht schon an vielen anderen Stellen mit den immer gleichen Argumenten geschrieben und gesagt worden ist? Ich weiß es nicht. Doch ausschließlich beobachten und schweigen geht auch nicht länger.

Der Kommentar von Michael Martens bei der F.A.Z. hat mich wütend gemacht. Ist es wirklich unser Grundgesetz, das geflüchtete Menschen als erstes auf ihren Kopfkissen brauchen, wenn sie endlich eine Unterkunft in unserem Land beziehen können? Dieses Grundgesetz, das wir am besten allen Deutschen mal wieder aufs Kopfkissen legten? Nein, Nein und nochmals Nein.

Klar können wir versuchen, aus völlig traumatisierten Menschen möglichst schnell gut funktionierende Arbeitskräfte zu zimmern, die, weil sie unser Grundgesetz auf dem Kopfkissen liegen hatten, im Gegensatz zu deutschen Chauvinisten ganz brave, unchauvinistische, perfekt integrierte Neudeutsche werden. Unsere Wirtschaft freut sich ja jetzt schon auf das nächste Wunder.

Was gern vergessen wird: Traumata und ihre Folgen und Spätfolgen gehen nicht davon weg, dass man Menschen die Gesetze des Landes, das sie aufnimmt, einbleut. Sie gehen auch nicht davon weg, dass man ihre Arbeitsbereitschaft für die eigene Gewinnmaximierung nutzt und naiv darauf baut, dass diese Menschen genauso in der Lage sind, Höchstleistung zu erbringen, wie nicht traumatisierte Menschen. Vielleicht sind sie das sogar, aus lauter Dankbarkeit, nicht mehr an Leib und Leben bedroht zu sein. Nur, zu welchem Preis?

Blicken wir kurz zurück nach 1933 bis 1945. Wer aus Deutschland fliehen konnte, hat mit Glück anderswo ein neues Zuhause gefunden, manche vielleicht auch eine neue Heimat. Doch wenn wir den Exildichter_innen Glauben schenken dürfen, dann einte sie fast alle ein Gefühl der Fremde, ganz gleich, wie sie sich assimiliert haben. Ihre Traumata haben sie, wenn überhaupt, in Kunst verarbeitet. Und was ist mit all denen, die sich nicht der Kunst bedienten, für die Psychotherapie unmöglich blieb, ein Makel?

Was ist mit all den „Volksdeutschen“, die am Ende des Krieges Richtung Deutschland vertrieben wurden? Ich kann nur für mich sprechen. Meine Oma war ein kleines Kind auf der Flucht aus Siebenbürgen. Es ist bis heute nicht geklärt, ob ihre Familie Juden oder Siebenbürger Sachsen gewesen sind. Meine Apotherkerin in Berlin konnte wegen meines Nachnamens z. B. nie fassen, dass ich nicht wie sie aus Persien stamme. Who knows? Doch klar ist, die Folgen der nicht verarbeiteten Fluchttraumata sind noch heute in der Familie präsent:

Oma wollte eine gute Deutsche sein.  Ich finde, das ist ihr auch gut gelungen. Sie hat nur 6 Jahre Schulbildung gehabt, vom Krieg zerrupft. Hart gearbeitet hat sie, damit man sie nicht für faul hielt. Nach der Arbeit hat sie ihren Putzzwang ausgelebt, damit man sie nicht für faul hielt. Weggeworfen wurde in ihrem Haushalt nichts. Nichts wurde verschwendet, für alles gab es noch eine potenzielle Verwendung. Die Lappen und Schwämme wurden gewaschen, die Unterhosen gebügelt. Niemand sollte sie für ungepflegt halten.

Sie hat genug zu Essen gehabt. Damit im Fall der Not auch ja genug im Haus war. So sparsam, fast geizig, wie sie mit sich war, so großzügig war sie mit ihren Enkeln. Die Ersparnisse gingen schließlich für das Pflegeheim drauf, in dem mein Opa am Ende leben musste. Meine Oma hat in ihrem Stolz kaum ertragen, damit zur Sozialhilfeempängerin zu werden. Ihre Wohnung durfte sie nur behalten, weil sie da schon seit über 30 Jahren drin gelebt hatte. Sie war integriert, sehr gut integriert.

Niemand hat gewagt, sie auf ihren osteuropäischen Akzent anzusprechen, den sie Zeit ihres Lebens nicht hat ablegen können. Oder auf das viele Jiddisch, das in ihre Sprache eingewebt war. Sie war eine gute Deutsche, wie man das von jemandem ertwartet, der in unserem Land Zuflucht sucht. Kaum einer wusste von ihren schweren Depressionen. Wer immer meine Oma gekannt hat, wird sie als lebenslustige Frau beschreiben, die offen und forsch auf andere Menschen zuging und mit anpackte, wo es nötig war.

Über die Flucht gesprochen hat sie genau ein einziges Mal mit mir. Damals, als sie mich in Paris besucht hat, um zu sehen, wo ich lebe und arbeite. Was ich gehört habe, hat mich so schockiert, dass ich vieles davon nicht in Erinnerung behalten konnte. Das Wenige, was ich erinnere, hat mir erhellt, wieso es in meiner Familie so und nicht anders zugegangen ist. Wieso auch ich noch dieses Gefühl der Fremdheit in mir trage, die ich doch in Deutschland geboren und aufgewaschsen bin. Wieso das Trauma der Flucht an die nachfolgenden Generationen weitergegeben worden ist. Dazu brauchte es kein Wissen über Spiegelneuronen oder Forschung aus der Psychoanalyse.

Auch von väterlicher Seite mehren sich die Anzeichen, dass meine Familie nicht schon lange in Deutschland ist. Meine andere Oma kam vermutlich aus Russland oder Masuren. Die Herkunft meines andereren Opas ist unbekannt, aber dunkle Haut hat er gehabt, das sieht man an seinem Sohn. Das D in meinem Personalausweis ist purer Zufall. Kein Zufall ist jedoch das Gefühl der Entwurzelung, das sich durch die Generationen bis zu mir getragen hat. Das Gefühl, dass Deutschland mein Geburtsland ist, aber nicht meine Heimat.

Dürfen wir den Menschen, die jetzt bei uns Zuflucht suchen, sagen, dass alles gut ist, wenn sie sich nur an unsere Gesetze und Vorstellungen von Kultur halten? Sind sie nicht gut integriert, wenn sie Zeit brauchen zu heilen? Wenn es ihnen zeitlebens vielleicht nicht gelingt, ihre Traumata zu überwinden? Dürfen wir urteilen, wenn sie die Folgen der Traumata an ihre Kinder und Enkel weitergeben? Dürfen wir ihnen absprechen, sich in unserem Land bis zuletzt fremd zu fühlen, selbst wenn sie genau hier und nicht woanders hin geflohen sind?

Was ist mit den Kindern, die nicht nur auf der Flucht, sondern auch jetzt in den Unterkünften noch dem ständigen Risiko sexualisierter, körperlicher und emotionaler Gewalt durch völlig überforderte Erwachsene ausgesetzt sind? Kindern, von denen man jetzt erwartet, dass sie glücklich lächeln, weil man ihnen ein Stofftier als Willkommensgruß in die Hand gedrückt hat? Sie werden diese Geste sicher nicht vergessen, aber sie werden nicht heilen dadurch.

Nein, Menschen, deren Flucht gerade zu Ende ist und die nun auf unbestimmte Zeit bangen müssen, ob sie in diesem Land neue Wurzeln schlagen dürfen, die brauchen nicht als erstes unser Grundgesetz auf dem Kopfkissen. Sie brauchen nicht das Signal, dass sie am besten schweigen und möglichst schnell gut funktionieren sollen. Sie brauchen meiner bescheidenen Meinung nach neben Versorgung mit Nahrung, Obdach, ärztlicher Behandlung und Bildung vielmehr die Ermutigung, zu sprechen, schreiben, malen, zeichnen, oder darzustellen, was sie erlebt haben. Sie brauchen Ohren, die wagen, zuzuhören, wirklich zuzuhören, ohne zu richten. Die wagen, das Schlimmste zu hören und zu umarmen. Diese Menschen brauchen die Möglichkeit, den Traumata Raum zu geben und die Chance darauf, diese nicht unreflektiert an ihre Kinder weiterzugeben. Diese Kinder brauchen die Chance, nicht als seelische Krüppel zu enden.

Wir hatten nach dem letzten Krieg schon einmal eine Kultur des Schweigens. Es hat uns nicht sonderlich gut getan. Und es wird uns nicht gut tun, wenn wir das erneut von rund einer Millionen Neubürger_innen verlangen. Gut möglich, die Menschen, die nun zu uns kommen, sind es nicht gewohnt, über das zu sprechen, was sie bewegt und in die Urfesten erschüttert hat. Dann gilt es, Wege zu finden, die es ihnen möglich machen, das zu tun, ohne es als Schande oder Makel zu begreifen. Und wenn wir die finden, dann öffnen wir auch die Türen für ein tieferes Verständnis für unsere Kultur, auf deren Einhaltung manche jetzt gern so betont pochen.

Ob die Ermutigung, nicht zu schweigen, den Menschen hilft, sich zeitlebens nicht fremd zu fühlen im neuen Land, weiß ich nicht. Vielleicht kommt es darauf auch nicht so sehr an. Vielleicht ist es genug, die Chance zu bekommen, sich nicht völlig seelisch zerstört fremd in Deutschland fühlen zu dürfen.

Vom Knacken der Weintrauben

„Ich muss grad mal ein paar Weintrauben essen, ich hoffe, es stört dich nicht“, sage ich und versuche, möglichst leise zu kauen. „Nicht leise essen“, sagst du am anderen Ende der Leitung, „das ist so ein schönes Geräusch.“ Du lachst, als ich die Weintrauben nun extra laut für dich knacke. Wir brauchen nicht zu erwähnen, was wir mit den Weintrauben täten, wärest du jetzt hier bei mir. Oder mit unseren geliebten Himbeeren, die so perfekt auf Fingerspitzen passen.

„Mein Kind, du bist verrückt, du musst nach Berlin“, sage ich zwischen zwei Trauben, und du lachst wieder. Dein tiefes, rollendes Lachen, das ich so unwiderstehlich finde. „Wir könnten im Park auf der Wiese herumkullern.“ „Ich weiß“, sagst du. Wir sehen uns nicht oft, vielleicht ein Mal alle 12 bis 18 Monate und wenn wir uns sehen, schlafen wir gern miteinander. Nicht jedes Mal, nur dann, wenn uns im Moment auch danach ist. Freundschaft plus wird das ganz modern genannt. Ich fühle mich nicht modern. Nicht so platt modern. Das „plus“ klingt viel zu lapidar für das Gesicht der Liebe, das wir teilen. Für die Freude, die wir über uns empfinden und die Freude, die wir mit der anderen teilen, wenn sie ihr Herz auch für andere Menschen öffnet.

Wir haben das noch nie benennen müssen, was zwischen uns ist, um Klarheit zu spüren. Das ist sicher nicht immer so und weil es bei uns so ist, ist es mir fast noch kostbarer als eh. Wir brauchen das nicht mehr, uns einander zu versichern, wir sind nicht permanent auf Sendung, damit die andere weiß, die eine geht nicht weg. All das haben wir hinter uns gelassen. Wenn ich wochenlang nichts von dir höre, dann ist es zwischen uns nicht im Sande verlaufen. Wenn ich abtauche, dann zweifelst du nicht. Dann kennen wir uns trotzdem noch, „when I’m 64“.

Du bist kein „friend with benefits“ für mich. Der Sex mit dir ist nicht das Sahnehäubchen, das kleine Schmankerl für ein Untervögeltsein. Nicht der Ersatz für den Rausch einer frischen, romantischen Zweierbeziehung, die ich nicht habe und als Zweierbeziehung gar nicht mehr brauche und will. Der Sex mit dir ist mir Geschenk, ganz natürlicher Ausdruck unserer Verbundenheit, so, wie es unsere Umarmungen sind, unsere Lachanfälle, unsere erhitzten Diskussionen über Themen, die uns beide begeistern. Der Sex mit dir ist eine Variante unter vielen, mit der wir uns unsere Zuneigung ausdrücken. Er ist keine Krücke, sondern Teil des Fundaments, auf das wir bauen.

Ich weiß keine andere, die mir sagt, dass ich mit den Weintrauben doch ein bisschen lauter knacken möge. Keine andere, die dann prustet und schnaubt vor Lachen, wenn ich ihr den Gefallen tue. Keine andere, die genau so Freude daran hätte, wenn ich auch mit einer anderen Weintrauben- und Himbeerdinge anstellte und Sex hätte oder eine Liebe teilte. In so einem Moment weiß ich wieder ganz genau, weshalb ich dich liebe. „Wenn du jetzt hier wärst, würde ich dich vernaschen“, sage ich. Dein Lachen wird noch tiefer und lauter. „Ich dich auch“, sagst du und dann legen wir behutsam auf.

Bauch an Bauch Gefühl

Wie mühelos wir vom Geplänkel zur Zärtlichkeit wechseln. Gerade noch hat ein Wort von dir mir einen Satz rote Ohren verpasst, dass ich kaum wusste, wohin mit mir in der Stille danach. Sinnlos mir einzubilden, du habest es nicht gemerkt, bist du doch eine der feinsinnigsten Beobachterinnen, die ich kennen lernen durfte. Ich spüre deinen Blick auf meiner rechten Wange ruhen, ganz ruhig und liebevoll, dass ich die Scham ablegen kann, dass ich genießen kann und weiß, ich muss nichts sagen, das Lächeln in meinen Mundwinkeln genügt dir.

Wir mäandern zwischen den Themen, plötzlich kann ich die junge Frau sehen, unpassenden Kommentaren ausgesetzt. Ich spüre die alten Verletzungen und das weite, große Herz, das sie geheilt hat. Dieses Herz, das andere nimmt, wie sie gerade eben sind und wo sie stehen mit sich und ihrem Leben. Ich übe das noch, so weich zu werden wie du, und dabei sorgsam genug mit meinen Grenzen zu sein. Und ich spüre die Löwin in mir, die will, dass niemand hingehe und deinen Rosengarten achtlos zertrampele. Ich will dich blühen sehen, immer wilder noch als eh.

Dann frage ich dich und du lässt mich nah sein, vertraust mir, so gut du es schon kannst und wir finden uns wieder Bauch an Bauch. Lang ist die Umarmung und warm. Unsere Körper schmiegen sich ineinander ohne Furcht, wir wiegen uns ohne ein Wort. Du bleibst stark, ich weiß nicht genau, ob mehr für dich oder mich, doch ein Teil von dir gibt sich hin, hinein, lehnt sich in mich und an mich und meine Arme und Hände wissen plötzlich, wie das geht, Halt zu schenken, ohne groß Aufhebens darum zu machen.

Wenn du mir in die Seele blickst, weiche ich nicht aus. Das ist ungewöhnlich für mich, das brächte mich sonst ins Schlingern, und bald schon ließe ich die Schotten herunter. Freundlich bliebe ich, doch vorsichtig. Mit dir brauche ich das nicht. Ich habe mich verändert, doch du machst es mir leicht, die Veränderung auch zu leben. Nicht wieder nur in Theorie zu schwelgen und an der Praxis zu scheitern. Manchmal noch bin ich sehr verlegen, aber auch das nimmst du als Geschenk.

Das Ungesagte zwischen uns ist mir so kostbar wie deine Worte und Gesten. Wir haben eine gemeinsame Entdeckungsreise begonnen. Kein Grund zur Hast, wir haben ja alle Zeit. Deine Lippen drücken sich fest auf meine, halb offen, nicht begehrlich, ruhig, wie unsere Begegnung. Tief aus mir steigt Zärtlichkeit für dich, unzähmbar, dass ich zerspringen könnte. Ich sage nichts, wo Worte eh nicht hingelangen können.

Jetzt kann ich dich etwas verlegen erleben, fast verwundert siehst du mich an. Ich könnte leugnen, ich könnte meinen Blick verschleiern, doch ich setze uns meiner Zärtlichkeit aus, so wie du es mit deiner für mich tust. Dein kaum merkliches Zögern löst sich auf, du weichst mir nicht aus, und ich bin der reichste Mensch der Welt. Wir sind mitten in einem Abenteuer, das sich nur mit Leidenschaft erleben lässt für das, was wir tun. Einig sind wir uns, dass die Göttin uns zueinandergeführt hat, uns ineinander verzahnt und dass es gut ist.

In mir ist es still, ich bin eine wandelnde Meditation in diesem raschen Fluss der beständigen Veränderungen. Unsere Hände verflochten ein Ruhepol, Start- und Landebahn. Komm, wirf noch mal deinen Kopf zurück und schütte dich aus vor Lachen, und dann wage zu sehen, wie schön und lieb du mir bist, so ganz du und ungestutzt. Dann wage zu hören, wie du mich ansteckst mit deinem Lachen und ich dich mit meinem und wie wir ein Freudenfeuer werden und nicht müde werden zu brennen für das, was uns wichtig ist. Und dann, dann küss mich noch mal, Bauch an Bauch, und langsam.