Weltenblühen

Ich springe von der höchsten Klippe, barfuß aufs Seil. Zu meiner Linken tanzen Vulven Rhumba, zu meiner Rechten Schwänze Pas de deux. Mein Körper eine Feder, bei jedem Schritt wachse ich ein Stück weiter über mich hinaus in den Raum. Ich bewege mich, und Grenzen gibt es nur dort, wo mein Geist sich welche erfindet. Diese Welt ist noch jung, sie hat noch nicht genug gesehen.

Unter mir unerforschtes Gebiet, keine Wegweiser, nur Richtungen. Ich springe hinab auf eine Lichtung, sonnengetränktes Gras drückt sich zwischen meine Zehen. Weich, dass ich weiß, wo ich hinwill, wenn die Wege steinig werden. Mit meiner Arbeit let’s make this world a better place. We do, honey, she said and ich hörte die Knospen aufbrechen.

Es ist an der Zeit, wohin wir gehen, es wird gut sein. Reif für die Blüten, die tragen Früchte, die werden wir ernten und werden sie säen, dass die nach uns kommen neue Knospen knacken hören. Ganz leicht entfaltet es sich, ist Klarheit da und Ruhe in mir und wie groß bin ich geworden, seit ich die Klippe verlassen habe. Ich kenne mich nicht wieder, wie schön das ist, wenn alles Veränderung sein darf. Barfuß erspüre ich die neuen Welten, wachse noch, ich wachse ja noch.

Ich wachse in Sturm und Wind und Regen, in Schnee und Hagel und wilder Sonne Brand. Ich werfe die Bilder durcheinander, beschränke mich nicht auf eines, ich pfeife auf Konsistenz, ich reduziere die Sprache um ihre Dogmen und gutgemeinten Tipps. Gebe es mir in Hülle und Fülle, in bunt und Stereo, ich höre einfach nicht auf, wo ich sonst nicht einmal in Gedanken hingekommen war.

Jetzt habe ich erst begonnen, ich braue mich zusammen, ein zärtlicher Orkan. Komm, Welt, ich küsse dich zu Boden, ich liebe dich, bis du um Fassung ringst, ich beatme dich und locke dich, ich werde nicht lockerlassen, du entwischst mir nicht. Du lachst, zu Recht, war doch ich versteckt, nicht du. Ich habe auf dich gewartet, sagst du, Welt. Hier bin ich, sage ich, ich nehme gerade Anlauf aus tausend kleinen Schritten. Du wirst noch allem erwachsen, sagst du Welt. Und dann explodieren wir mit dem größten Vergnügen, sage ich.

So viele Wege, so viel Raum, ein Sturm, ein Drang, Klabautermann. Die Jahre gingen schon etwas ins Land, doch nie zuvor war ich so schön, vom vielen Lachen für den Rest des Lebens gezeichnet. Das Seil schwingt über mir. Ich könnte hochspringen, zurück auf die höchste Klippe kriechen und mich unter einen Vorsprung kauern. Doch die Welt hat noch niemand wie mich gesehen, will mehr davon. Ich mache es ihr mit Lachen und Zärtlichkeit. Und sie bekommt mehr davon. So wahr ich hier nackt vor ihr stehe.

Playground

Zuerst verrutscht nur dein Kuss, kommt meinen Lippen näher, als wir vorgeben. Das Spiel ist eröffnet und meine Augen wissen nicht zu schweigen. Längst schon hast du gesehen, weit davor hast du gespürt. Meine Venus ruft deinen Namen, ruft dich herbei, wie zufällig berühren deine meine Fingerspitzen. In jedem Klischee steckt auch Wahrheit, sagt mein Kopf, bevor er sich ergibt. Kleine elektrische Schläge, Gewittervorboten.

Wir tanzen langsam, kreisen, zwei Satelliten aus ihrer Umlaufbahn geschlüpft auf eine gemeinsame dritte. Da ist so viel Raum zu erkunden, der dehnt sich, weitet sich unter deiner Hand auf meinem Rücken. Ich möchte still stehenbleiben, mein Mund spricht Worte, wo Worte sinnlos sind. Verschließ ihn mir, dass ich zurückgeworfen bin auf mein Spüren.

Du nimmst mich beim Wort, beim Ungesagten klopfst du an mit deinem Lachen. Da sind die Blitze wieder in deinen Augen, die Linien vertiefen sich, ich möchte deine Krähenfüße küssen und deinen Leib erwandern. In deinen Senken weilen und ruhen, auf deinen Höhen will ich Ausschau halten, ganz achtsam die ersten Schauer bezeugen.

Verschließe mir die Lippen mit deinem Fluss, ich will dich trinken wie einen uralten, geheimen Trank. Dich kosten und jeden Schluck nehmen, als sei es mein letzter. Komm mir entgegen als Donner, rolle mir deine Perle in den Mund, dass ich nicht sagen kann, nicht denken. Lass meine Zunge eine andere Sprache entdecken, eine neue Sprache, noch nicht geprägt, noch ohne jede Benennung.

Du beugst dich über mir, ein starker Wind, die Ufer treten über. Öffne mir die Beine, dass ich nicht leugnen kann, nicht ausweichen, uns nicht betrügen kann um unsere Lust. Deine Hand schickt Blitze aus, verlangt Hingabe, ich möchte kämpfen und raufen mit dir,  doch schon zu schwach bin ich bei diesem ersten Mal. Mich bäumt kein Widerstand, ich poche schon zu laut.

Fährst mir zwischen die Lippen, die hier und die dort, bis ich bedeckt bin von meinem eigenen Fluss. Du schöpfst mit deinen Fingern, mit deinem Mund machst du mich voll, ich bin dir schon ergeben, da! Nein, kommen darf ich nicht, sagst du. Wer kommt, wird bestraft, sagst du, und deine Finger beenden ihre Reise nicht. Dein Blick hält meinen, dass ich mich nicht verschließen will, dass ich erfahren will, was mir blüht, wen ich nicht gehorche.

Das Spiel ist längst entschieden, da bäume ich mich doch auf mit letzter Kraft, entwinde mich, bloß, um von deinen Knien um meine fixiert zu werden. Ich spanne meine Muskeln an, mein ganzer Leib ist Venus jetzt, ich setze dir alles entgegen, was ich bin. Deine Finger stoppen, deine Augen verdunkeln sich noch etwas mehr. Die Himmel sind nun schwefelgrau, ich habe nicht gewusst, welche Götter ich da rief.

Ein Grollen später umschließen deine Hände meine Handgelenke, ein letzter Blick von dir. Wer kommt, wird bestraft. Da streift deine Zunge wie absichtslos zwischen meine Lippen, ich zittere aus der Mitte des Universums heraus. Schon saugst du meine Perle ein und alle Dämme brechen. Ich stürze durch Äonen mit dir, rau ist mein Schrei und kehlig. Dann verschwimmen Gehör und Sicht, ich verbrenne an deinem Mund.

Irgendwann wirft mich das Meer zurück an Land, ich ringe um Luft, da hast du mich schon umgedreht. Deine Hand saust auf meinen Po herab, einmal, zweimal, dreimal, dass die Backen glühen. Dass ich weiß, was mich bald schon für meinen Ungehorsam erwartet, sagst du, leckst dir meinen Saft von den Fingern und hältst meine Venus in der Höhle deiner Hand, bis ich mich wieder geschützt fühle. Dein Kuss landet zielgenau auf meinen Lippen und meine Zunge spricht eine neue Sprache.

The door between his legs

Wenn er an sich heruntersah, waren seine Titten immer noch da. Er übte, dem Begriff das Abwertende zu nehmen, das er immer gehört hatte, wenn andere ihn aussprachen. Titten, Titten, wunderschöne, weiche, große Titten zum Vorzugspreis, zwei für eine! Nur heute im Sonderfuckingangebot! Kann man abbinden, muss man aber nicht immer.

Ein hübscher Schwanz, nicht zu klein, nicht zu groß, dick genug und nicht zu dick, der war ihm auch nicht gewachsen. Gut, da könnte er mit einem Packer nachhelfen, wenn er wollte. Alles in allem konnte er nicht meckern. Denn das Wichtigste, die Freudenquelle, die hatte er noch, auch wenn er sich als Mann sah. Oder mehr als gender fluid und der Zeiger stand gerade mehr auf Mann. Völlig egal.

Die Freudenquelle war wichtig. Trotz allen Geredes darüber, dass Sex in der Hauptsache im Gehirn stattfinde. Wer das behauptete, der hatte es noch nicht eindringlich genug mit einer Klitoris zu tun bekommen. Er war sich sicher, dieses große Lustgeflecht hatte mindestens so viel eigenständige Intelligenz wie Gehirn und Darm. Und es machte sehr wohl einen Unterschied, ob es seinen Dienst tat oder nicht.

Er hatte gewusst, dass seine Klit nicht kurz vor tot war. Was er nicht gewusst hatte, war, wie sehr sie vor Freude darüber hüpfen würde, dass er einen Menschen nach zwölf Jahren wiedergetroffen hatte. So einen Mensch ohne irgendein Label. So ohne Label, dass dem Menschen die Frau-Schublade völlig schnuppe war. So ein Mensch, der allein mit einem Blick alles aus ihm herauskitzelte. Plötzlich wollte er sich wieder die Beine rasieren, einen Schwanz mit Rock tragen, einen Bart haben und lackierte Fußnägel dazu. Keins von seinen Bildern über sich hatte noch Bestand.

Er überlegte, ob es eine deutsche Sprache geben kann, die ohne Personalpronomen auskäme und dennoch subjekt- und objektbezüglich genug wäre. Ob er es noch erleben wird, wie Sprache ihre Barrieren überwindet und alles, was lebendige Wesen kategorisiert und wertet, aus ihr verschwunden sein wird. Und ob es dann wirklich gut ist, weil er nicht sicher ist, dass nur, weil etwas im allgemeinen Wortschatz Usus geworden ist, es auch in den Köpfen und Herzen der Gesellschaft angekommen ist. Er denkt kurz an die Feminispräch von den Misfits und muss lachen. Lieschen Müller und der alte Michel waren auch zwanzig Jahre später noch weit entfernt von einer Sprachrevolution. Und er mit seiner Leserreichweite, könnte er wirklich etwas bewegen?

Und wann würde die Evolution den Schritt wagen, Menschen mit abnehmbaren Titten und sowohl mit zur Gänze ausgeprägter Venus, als auch einem Schwanz auszustatten? Die Zeit dafür schien ihm reif. Die letzten Jahre hatte er sich aus dem organisierten Feminismus ferngehalten, müde von all den wutentbrannten Twens und ausgebrannten Alt-80ern. Da war kein Humor, nirgends, kein Ort. Und wehe, es wurde nicht entweder völlig echauffiert oder staubtrocken akademisch diskutiert. Ging das denn nicht auch herzlich, frei Schnauze und mit Humor?

Doch, das geht. Er hatte nämlich die Stimmen der sexpositiven Feministinnen übersehen. Seitdem er welche etwas besser kennen lernte, dämmerte ihm, was ihm bisher in seinen Kreisen gefehlt hatte: dieses Zwinkern im Augenwinkel über sich selbst und andere, über Schubladen und Umstände, Zustände und andere Ständer. Erfolgreiche politische Arbeit ist auch mit einem Lachen möglich. Oder vielleicht ganz ernsthaft erst mit einem Lachen möglich.

Da sitzt er nun. Ein Mensch vor ihm hat leuchtende Augen, wenn er ihm von den neuen Projekten erzählt und ein feines Lächeln in den Mundwinkeln. Der andere Mensch nimmt mit seinen Augen direkten Funkkontakt mit seiner Seele auf, das Lachen weit und ungezähmt.

Er ist endlich angekommen. Nur, um sich mit den beiden gemeinsam in die nächsten Abenteuer zu stürzen.