Großvater und was ich erst jetzt verstehe

Mein Großvater war vor seinen Herzinfarkten ein strenger Mann. Liebe Augen hat er gehabt und wir Geschwister haben um seine Gunst gebuhlt. Wo Oma einfach umarmen konnte, durfte man Opa nicht ungefragt zu nahe kommen. Es galt, ja nicht an seinen HiFi-Turm mit dem sündhaft teuren Plattenspieler zu stoßen und nicht einfach die Tür zu seinem Studierzimmer zu öffnen, wo er klassische Musik hörte. Er rauchte Zigarre und Zigarillos, aber auch das hielt ich aus. Ich wusste lange nicht, ob er mich liebt.

Kaum konnte ich lesen, setzte er mich vor den Fernseher und erklärte mir, wie Videotext funktioniert. Dann sagte er: „Hier sind die Seiten zum Lernen und hier die Kinderwitze. Später will ich von dir wissen, wie der höchste Berg Afrikas heißt und einen Witz erzählt bekommen. Und jetzt mach.“

Ich hatte lange Angst, vor ihm zu versagen, und habe erst vor Kurzem verstanden, dass er mir im Gegensatz zu meinem Vater zutraute, dass ich alles lernen und schaffen kann. Wenn er mich auf einen Spaziergang mitnahm, dann war das keine Runde im Park, sondern gleich die große um den Töppersee. Durfte ich ihn auf eine Radtour begleiten, dann stieg ich als kleines Kind nach 20 km mit zitternden Beinen vom Drahtesel. Wir durften auch nicht aufhören, bevor nicht 20,00 km auf seinem Tacho standen, die er danach penibel in sein Radjournal eintrug.

Ebenso penibel zeichnete der Elektrikermeister alle Dokumentationen im Fernsehen und jede Abendausgabe der Tagesschau auf VHS auf und in Normschrift in einen Katalog ein. Seine Plattensammlung war ebenso dokumentiert. Als ich nach seinem Tod die Sammlung schätzen ließ, erfuhr ich, dass er sie durch die winzigen, nummerierten Aufkleber quasi wertlos für Sammler gemacht hatte. Ich bin sicher, er hat das gewusst.

Ein ganzer Schrank im Wohnzimmer war voller 1m hoher und dicker Leitz-Ordner gefüllt mit Fotos, die er gemacht hatte. Nicht eines davon war nicht akkurat eingeklebt und beschriftet. Das Kursbuch der Deutschen Bahn für NRW konnte er auswendig.

Er brachte mir die Liebe zur Poesie bei, indem er mir früh Eugen Roth und Wilhelm Busch vorlas und mich dann Gedichte auswendig lernen ließ. Bevor ich 10 war, hatte er mir die Gesamtausgaben von Edgar Allan Poe, Erich Kästner und Herr der Ringe geschenkt. Er drückte mir die Jahreschroniken aus seinen Regalen in die Hand, die so schwer waren für mich schmales Hemd. Oder Wahrigs Deutsches Wörterbuch.

Zur Belohnung wurde ich dann in sein Studierzimmer eingeladen. Er zeigte mir, wie man bei einem klassischen Konzert leise atmet und nicht hustet und alle Sinne der Musik öffnet. Mit Musiktheorie hatte er nichts am Hut, aber wie ich erkenne, ob Karajan dirigiert oder Menuhin die Violine spielt. Damals bräuchte ich nur die ersten Töne zu hören und konnte sofort sagen, welcher Komponist, welches Stück, welcher Satz und manchmal gar, welches Orchester und welche Aufnahme.

Das war alles, bevor ich meinen Opa umarmen durfte, ohne, dass er mir nur steif wie ein Stock die Hände auf die Schultern legte. Seine Strenge war jedoch keine grausame. Er hatte erkannt, dass mein Wissenshunger zu Hause nicht gestillt wurde und dass ich mir, ohne etwas dafür tun zu müssen, wirklich alles merken konnte. Das hat er gefüttert. Er achtete darauf, dass ich viel las und wenn ich einen Aufsatz geschrieben hatte, war er erpicht darauf, ihn zu lesen.

Ich habe ein Bild von uns beiden, wo wir auf dem Gehweg an der großen Straße stehen, ich bin vielleicht 8 Jahre alt. Er hat mich vielleicht nicht gern umarmt, aber er hat meine Hand damals so fest gehalten, dass es mir schon weh tat, damit ich ja nicht fallen und von einem Auto erfasst werden könnte.

Nach seinen Herzinfarkten wurde mein Opa weich und zärtlich. Er hörte auf zu rauchen und umarmte seine Enkel, was das Zeug hielt. Ich habe ihn noch oft lachen sehen dürfen. Und ich weiß jetzt, dass er wusste von dem, wie es bei uns zu Hause war. Meine Großeltern hatten entschieden, nicht einzugreifen. Meine Oma hat ihm das nie richtig verziehen. Heute weiß ich, dass mein Opa auf seine Weise alles dafür getan hat, dass ich weiß, wo meine Gabe und meine Freude liegen und ich verstehe inzwischen seine Antwort, als ich ihn ratlos fragte, was ich nur studieren solle: „Kümmere dich nicht darum. Du wirst vielmehr deinen Weg gehen, Kind.“

Meine Großeltern waren fast 53 Jahre verheiratet, bevor erst meine Oma und ein Jahr darauf mein Opa gestorben sind. Ich habe erst nach seinem Tod durch seinen Nachlass so richtig gelernt, dass er nicht nur ein schwieriger, unterkühlter Eigenbrötler von Ehemann gewesen ist, sondern auch ein Dichter, einer, der hätte Künstler werden sollen statt Elektriker. Meine Oma ist die einzige Frau, die ich kenne, deren Mann ihr auf einer ganzen Kassenbonrolle in winziger Normschrift ein selbstgeschriebenes Gedicht geschenkt hat.

Seine Tagebücher als 14-Jähriger, der direkt nach Kriegsende allein quer durch Deutschland reist, um seinen Bruder zu finden sind keine emotionalen Beschreibungen, sondern scharfe Beobachtungen eines zerstörten Landes gewesen, die durch ihre Distanziertheit das Elend, das wir Deutschen uns selbst geschaffen hatten, schonungslos im ganzen Ausmaß zeigten.In einem späteren fand ich, kein Jahr nach meiner Geburt eine kleine Notiz an einem Tag: Enkelkind spricht schon.

Mein Opa hat auch seine Geheimnisse gehabt, über die ich entweder schweige oder selbst nur mehr Ahnungen als Wissen habe. Er war kein einfacher Mensch, man musste erspüren lernen, wie man mit ihm auskommen kann. Ich habe lange nicht verstanden, wieso er von mir immer so viel gefordert hat. Heute weiß ich, dass er das für die einzige Option hielt, mir zu helfen, die ihm zustand. Ich habe meinen Großvater immer geliebt und bewundert und heute weiß ich, dass er mich ebenso sehr liebte, dass er mir alles Werkzeug für meinen Weg in die Hand gegeben hatte.

Heute wäre er 86 geworden. Er sollte Recht behalten, ich habe meinen Studienplatz damals nicht angetreten. Ich habe viel zu viele Jahre mit Ausbildungsanfängen und Jobs in allen Bereichen trotzdem versucht, auf dem Karussell unserer Leistungsgesellschaft mitzufahren, nur, um immer neu hinunterzufallen. Erst seit einem Jahr gehe ich konsequent nun meinen Weg. Ich bin Schriftsteller, und zwar ausschließlich Schriftsteller, unabhängig davon, wie viel ich schreibe und ob ich davon leben kann.

Mein Opapa, falls du mitgefiebert hast: das habe ich nicht so flott begriffen, wie damals alles. Danke für dein Geschenk an mich.

Ach, und träum süß von sauren Gurken, da, wo du bist.

Von der Liebe zum Menschen

Ich kann es manchmal nicht mehr hören, das Gemecker über andere:

Im Inselurlaub waren zu viele Paare, die dieselbe Jacke trugen. Der Bierbauchopi hat schon wieder gewagt, seine Füße in Sandalen mit Socken zu bedecken. Oder er hat nicht und dann bekam wieder einer „Augenkrebs“ vom angeblichen Nagelpilz, den er sich ansehen musste. All die Arschritzen, denen man zwangsweise ausgesetzt wird. Oder die SUV-Muttis erst, über die man sich so schön aufregen kann, während man in seinen Passat Kombi steigt. Die Nachbarn haben zu laut Sex und der da barft seinen Hund nicht.

Die da kauft Mastfleisch, wobei doch jeder weiß, was das für ein Elend ist für die Tiere, sagt der, der sich beim Schlürfen des exquisiten Fairtrade-Espresso keinen Gedanken um dessen CO2-Abdruck macht. All die Diktatoren und Möchtegerndiktatoren, die schön berechenbar das Mittel für die nächste Spottsalve liefern. Und wie dämlich doch alle Pegida-, AfD-Anhänger und Nazis sind! Wenn die um sich hauen, dann hauen wir halt zurück, aber so richtig.

Wie kann man nur bei KIK kaufen, fragen sich die, deren Familienkleiderschränke ganz sicher nicht ausschließlich mit Fairtrade-Klamotten gefüllt sind. Die rauchende Hartz-IV-Mutti saß mit ihren Kindern schon wieder bei Meckes. Der ist zu breitbeinig, die ist zu feministisch, der Laubbläser vom Nachbarn ist schrecklicher als mein Rasenmäher. Der ist faul, der dem Leistungsdruck nicht standhält. Die da nimmt meine Depressionen nicht wichtig genug. Politiker kannste alle in der Pfeife rauchen.

Unbestritten, Menschen sind unter den Geschöpfen dieser Erde die mit Abstand eigenartigsten. Seltsamer Körper, seltsame Handlungen und Einstellungen. Sie können grausam sein, die Welt oder Teile davon in Orte unfassbaren Horrors verwandeln. Sie können weiter von unseren eigenen Vorstellungen entfernt sein als die Erde vom Mond. Kein anderes Tier ist so gewieft darin, seine Artgenossen auszubeuten, zu missbrauchen, unterzubuttern, zu foltern, zu töten. Und die Natur zerstört er auch noch. Fragwürdiger Hauptgewinn in allen Kategorien der Arschlochigkeit, seitdem er an Land gekrochen war.

In letzter Zeit lese ich immer häufiger davon, wie viele zu glauben scheinen, es gehe mit Deutschland, Europa und der Welt immer mehr bergab. Als habe das Elend zugenommen. Politisch droht vielerorts ein Rechtsruck, Zeichen der Überforderung und verzweifelter Versuch, in der Abschottung von allem Fremden eine Scheinsicherheit zu generieren. Da sind wir natürlich gegen, die wir uns so demokratisch empfinden.

Ich lese ebenfalls immer häufiger davon, dass die Menschen in meinem Umfeld sich eine friedvollere Welt wünschen. Nur, was heißt das genau, wenn ich im nächsten Satz wieder über meinen Nächsten lästere? Wenn ich will, dass sich der andere gefälligst anders verhält? Wenn ich glaube, dass die ganzen potenziellen Rechtswähler verschwinden oder auf magische Weise ihre Ansichten reflektieren und ändern, nur weil ich mich über sie echauffiere, lustig mache oder sie aus meinem Leben blocke?

Diese Kultur des Hackens auf andere vermeintlich dümmere (weil andere Ansichten habende) Menschen ist mir nicht fremd. Habe ich lange selbst so gemacht. Aber was zeigt mir denn der Bauarbeiter, der sich am Arsch kratzt, über mein Leben? Was ist es, dass uns dazu treibt, beim fremden Gegenüber so auf die angeblichen Mängel zu schielen?

Es ist die perfekte Ablenkung davon, wo wir mit uns und unserem Leben unzufrieden sind. Wie leicht, sich vorzugaukeln, man würde sich ein bisschen besser fühlen, wenn man etwas mehr Kultur und Benehmen an den Tag legt als der andere. Doch in Wirklichkeit sagen wir damit nur: Ich spalte dich von mir ab, du bist nicht ich, wir sind kein Wir.

Was würde geschehen, wenn wir stattdessen freundlich auf andere Menschen blicken, egal, wie sie ticken? Wir brauchen ihre Handlungen nicht gutzuheißen, wir dürfen und sollten uns sogar sichtbar gegen bestimmte Haltungen und Handlungen stellen. Aber was wäre, wenn wir es freundlich täten?

Es gibt viele Menschen, die ich nicht verstehen kann. Deren Gedanken mir so fremd sind. Und doch, wenn ich ihre Wut sehe, die sich den nächstbesten Kanal sucht, wenn ich ihre Verunsicherung spüre, dann ist da auch eine Zärtlichkeit in mir für diesen Menschen. Auch für alle, die rummeckern und auf andere herabsehen und das meist völlig von sich weisen würden.

Diese Welt und diese Zeit sind eine große Herausforderung für uns alle. Wie wollen wir weiter zusammenleben, wo soll es hingehen, vor welchen Gefahren wollen wir unsere Lieben und unsere Kinder behüten? Womit ringen wir und worum wollen wir ringen? Nachrichtensendungen, Presse und Politmagazine schüren das Bild einer schrecklichen Welt. Sie geben vor, nur informieren zu wollen, aber wo sind die Informationen über das Schöne, was auch existiert? Wieso bekommt das so wenig Gewicht? Wo ist die tägliche Sonder-Ausgabe der Tagesschau, die ausschließlich über Wunderbares berichtet, was Menschen tun?

Ich ahne nur: wenn wir nicht damit aufhören uns über andere zu erheben, wenn wir immer nur vom anderen verlangen, dass er für den gemeinsamen Frieden zu sorgen habe, dann ändert sich nichts. Dann können wir auf Demos gegen Rassismus und Antisemitismus wackeln und Petitionen unterzeichnen, solange wir wollen, wir werden nichts im Kern bewegen. Wir werden den anderen nicht erreichen, indem wir uns von ihm abwenden.

Dialog braucht nicht immer Worte. Ich kann einfach ganz klein in meinem persönlichen Umfeld anfangen. Der Nachbar nervt, verhält sich wieder unsozial und stört meine heilige Ruhe? Dann kann ich mir einen Ort der Ruhe im Außen suchen, einen im Innen oder ganz verwegen das Gespräch mit ihm suchen.

Ich kann es lassen, mich über das Aussehen, das Benehmen, die Kleidung von anderen Menschen zu belustigen. Ich kann die Helikoptereltern helikoptern lassen, ohne mich im nächstbesten sozialen Netzwerk darüber auszulassen und ihren Kindern einfach wünschen, dass sie starke Menschen werden. Ich kann dem alten Nachbarn vom Garten, der Angst davor hat, dass seine Frau von Ausländern angegriffen werden könnte, zuhören. Dann kann ich ihm von einer schönen Begegnung erzählen, die ich mit geflüchteten Menschen hatte oder davon, wie viel Gewalt diese Menschen ertragen mussten und dass es überall so ’ne und so ’ne Menschen gibt. Ich kann ihn ernst nehmen.

Ich kann respektieren, dass es Menschen gibt, die nicht gewöhnt sind, sich umfassender zu informieren, die aus welchen Gründen auch immer nicht in der Lage sind, Vielfältigkeit im Sein zuzulassen. Die sich lieber berieseln lassen, statt sich auseinanderzusetzen. Ich kann Mitgefühl haben für die, die hart schuften, nur um doch jeden Cent zweimal umdrehen zu müssen und keine Kraft für gesellschaftliche Themen haben. Für die, die sich lieber etwas Obst leisten statt den Frisör. Für die, deren Kinder zu dick sind, weil ihre Eltern sich nicht genug für gesunde Ernährung interessieren. Für die Eltern von jenen, die glauben, die Welt bricht zusammen, wenn ihr Kind nicht schon mit 3 Englisch und Chinesisch lernt.

Ich habe den Verdacht, es ist alles nicht so kompliziert, wie wir uns gern einreden. Wir brauchen nur den Mut, den anderen zu lieben, freundlich zu sein. Wir brauchen die Entscheidung, uns immer neu bewusst zu machen, dass wir nun mal ein bunter Haufen Menschen sind und die Wahrscheinlichkeit, dass alle ihre Ausprägungen unseren Vorstellungen entsprechen gen Null geht.

Wir brauchen zuerst den Mut, freundlich mit uns selbst zu sein. Uns unsere eigene Unzufriedenheit einzugestehen. Wir müssen nichts daran ändern, aber wir können. Und wenn wir es nicht ändern, dann wenigstens bei vollem Bewusstsein. Wir müssen auch unser Gegenüber nicht verändern. Wir können es nicht, egal, wie wir manchmal gern würden. Wir können nur eine Haltung entwickeln, nichts auszugrenzen.

Ich kann es manchmal nicht mehr hören, das Gemecker über andere. Und doch habe ich, um es mit Hermann van Veen zu sagen, ein zärtliches Gefühl.

Polyamorie in unmodern

Früher war ich ein großer Verfechter der Polyamorie. Aber früher war ich auch jung und feige. Ich ziehe auch heute noch den Hut vor Menschen, die diesen Begriff mit wirklicher und ernsthafter Beziehungsarbeit an allen Fronten leben können. Nur, was mir in meinem Umfeld begegnet, sieht dann doch meist so aus: Beziehungsarbeit mit maximal einem Menschen und ansonsten, zugegebenermaßen möglichst achtsames, Herumpoppen mit Menschen, die einem sympathisch sind. Kann man machen, aber ist es das?

Mit dem Älterwerden kommt mit etwas Glück das Masken Fallenlassen, vor sich selbst, vor anderen. Ich habe Glück. Mir wird immer schleierhafter, wie ich ständig danach gieren konnte, verliebt zu sein (glücklich, unglücklich, egal). Mal abgesehen davon, dass man sich mit Verliebtsein und Sex, der auf nichts als Hormonkoller basiert, wunderbar das Gegenüber fern halten kann von wahrhaftiger Nähe, ist es letztlich nur ein Schaulaufen:

Wie gut präsentiere ich mich, damit meine Macken dem anderen erst offenbar werden, wenn es zu spät ist? Von welchem Bild des anderen will ich mich täuschen lassen? Nicht zu vergessen, das ganze Drama: Hat er meine Nachricht gelesen? Wieso antwortet sie nicht? Trifft er noch wen? Ab wann darf ich mich in Jogginghose zeigen? Wie kriege ich jetzt bloß schnell all die Pfunde runter und die Falten weg? Was ist, wenn wir uns außer Sex nichts zu geben haben? Oder zu sagen, zu schweigen?

Ich finde die Option Kennenlernen, Zärtlichkeit, Liebe viel interessanter inzwischen. Das ist aber auch die, die den größten persönlichen Einsatz und Mut fordert. Und: die meiste Zeit. Nicht wirklich leicht für uns Internetmenschen, die wir uns zunehmend dem Null-Aufmerksamkeitsspanne-mehr nähern. Es erfordert, nicht ichbezogen zu handeln, wie im Verliebtsein, sondern dubezogen. Es braucht die Bereitschaft, sich einzulassen, ungeachtet der alten Verletzungen, die wir alle tragen und dabei unter voller Beachtung derselben. Das ist nicht wie im ICE-Rausch, sondern Bimmelbergbahn fahren.

in Liebe und nicht auf Verliebtheit zu machen, das ist im besten Sinne Schwerstarbeit. Und die traue ich mir mit mehreren Menschen in allen Lebensbereichen schlicht nicht zu. Und überhaupt: wie viele Menschen können wir wirklich so nah an uns heran lassen? Wo belügen wir uns selbst?

Für das erste und bisher einzige, wirklich tiefe Vertrauen, dass da bedingungslose Liebe ist, die uns verbindet, habe ich nur knapp 12 Jahre gebraucht. Neun davon nach dem offiziellen Ende der Liebespaarbeziehung. Andere mögen da schneller sein, ich wollte es sein und bin es einfach nicht. Klar sind Schmetterlinge im Bauch nice und leidenschaftlicher Anfangs-Sex nicht minder, aber ohne Tiefe, die nur vorher entstehen kann, ist das nur was Halbgares. Für halbgar bin ich mir zu schade geworden und mein Gegenüber ist mir auch mehr wert als das.

Was bleibt von meinem Ausflug in die Welt der Polyamorie? Ich bin es noch, nur in unmodern. Noch immer halte ich es für nicht möglich, dass ein Mensch in absolut allen Lebensbereichen stets der perfekte Ansprechpartner für einen selbst sein kann. Deshalb gibt es Freunde. Die echten, von denen man nicht viele hat. Die, die man liebt und auf die man für keinen neuen Menschen je verzichten würde. Von denen man weiß, dass sie einen noch immer lieben, selbst wenn die Beziehung doch in die Brüche gehen sollte. Wenn das nicht Polyamorie ist, weiß ich auch nicht.

Noch immer dürfte meine Frau, hätte ich eine, wild flirten, auch in meinem Beisein, solange zu Hause gegessen wird. Flirten ist schön, kann gar die Beziehung bereichern und mit Vertrauen und Reden ist Eifersucht auf beiden Seiten lösbar. Ich möchte, dass sie umarmen kann, wen sie will, dass sie jemandes Hand nehmen und Menschen freundschaftlich küssen kann ohne sich sorgen zu müssen, ob ich das schlimm finde.

Ich merke aber: je älter ich werde, desto weniger habe ich Lust auf Unverbindlichkeit. Ich möchte commitment im schönsten Sinn und zwar von beiden Beteiligten. Ich möchte Kameradschaft und Loyalität, ich möchte Vertrauen und Zärtlichkeit in jeder Begegnung, in jedem Gespräch. Ich möchte Zärtlichkeit selbst im Streit. Ich möchte mich trauen, verletzen zu dürfen und mich auch von ihr verletzen lassen. Nicht aus Absicht, sondern aus dem Hintergrund und den Ängsten eines jeden heraus. Ich möchte zusammen die Verletzungen dann ansehen und heilen. Ich möchte viele kleine Gesten der Zuneigung, einander Zuhören und Küsse, viele Küsse.

Ich würde mir wünschen, dass sie nur mit mir und nicht mit anderen schläft, weil es genau das ist, was sie will. Und ich? Will nur mit ihr allein schlafen, weil sie mehr als genügt. Weil sie alles ist, was ich will und brauche im Bett. Weil sie es ist, der ich mit wachsendem Vertrauen begegnen will. Weil sie es ist, deren Bedürnisse, deren Körper ich in- und auswendig kennenlernen und beschenken möchte. Weil sie es ist, mit der ich Hand in Hand gehen und auf der Bank am Ufer sitzen möchte.

Es gibt Nähe und Nähe. Mit manchen teilt man ein Stück Nähe, vielleicht auch sehr intensiv. Aber ich glaube, das, was ich mit Nähe meine, dem begegnet man äußerst selten im Leben. Selten gibt man sich und einander genug Zeit dafür, entzieht sich dem Hormonroulette und wagt dafür das zärtliche Kennenlernen. Und diese Nähe und Tiefe, die daraus wachsen kann, wenn man sie mutig lässt, ist so schön, dass es einem die Sprache verschlägt. Und ich würde meinen Hintern verwetten, dass auch der Sex und die Sinnlichkeit dann jedes Mal ein Wunder sind, das zwei miteinander erschaffen. Was das für Küsse sein müssen!

Ob ich dieses Geschenk noch erleben werde in diesem Leben? Liebe ohne vorheriges Verliebtsein? Ich habe eine ganz leise Ahnung, dass ja.