Schriftsteller und Zuhörer

Die meiste Zeit am Tag schweige ich. Das hat das Alleinleben so mit sich gebracht. Und wenn ich dann mal rede, dann für meinen Geschmack manchmal zu viel. Ich rede, weil ich gelernt habe, dass der Mensch ein Narrativ brauche, dass er erst verarbeiten könne, was er in Worte gekleidet hat. Dass wir anderen dieses Narrativ bräuchten, damit wir zuhören und vielleicht nachvollziehen, verstehen können.

Dann denke ich einen Moment an die für mich so offensichtlichen Grenzen von Sprache, von Symbolen und Platzhaltern und kann und will das nicht glauben. Unbestritten gab und gibt es jene, die die Sprache zu dehnen wussten, ein klein wenig hinein in den Raum ohne Worte. Das sind dann die Bücher, Texte und Gedichte, die Widerhaken in uns setzen, unsere Seelen zum Schwingen bringen. Ich bin dankbar, dass es sie gibt.

Sie können mir den Eindruck vermitteln, als hätten sie genauestens zugehört. Als sei es ihnen gelungen, nicht zu beschreiben, nicht nur tastend zu umschreiben, sondern als seien sie ins Wesentliche vorgedrungen, als hätten sie es mit ihren Worten erst sichtbar gemacht, hervorgehoben und erfasst. Und wenn sie richtig brillant sind, vergesse ich sogar für einen Augenblick, dass sie getränkt sind mit der Erlebniswelt der Verfasser. Es gibt kein objektives Schreiben. Nie hat ein Mensch mit Worten sagen können, was ist oder wie es ist. Es gibt keine Sprache für das Jetzt, alles bleibt Versuch.

Ich vergesse viel, aber immer wieder erinnere ich Gesichter aus Tucholsky-Augenblicken. Mir fremde Menschen und wie das Leben sie zeichnete. All die unerzählten Geschichten, die Furcht vor Zurückweisung, falls einer tief genug ins Auge blickte, ich lege meine Hände um ihre Wangen. Ich höre zu, doch erzählen kann ich nicht. Beschreiben kann ich und immer nur vor meinem eigenen Hintergrund. Mir ist die Gnade zuteil geworden, immer wieder mit meinen Texten andere berühren zu dürfen und manchmal wünschte ich, es wäre mir genug.

Doch dann sehe ich wieder diese fremden Gesichter vor mir, oder die Wunde am Baum, den kreisenden Milan und wie sich der Feldweg mit jedem Regen verändert und weiß, dass ich nicht genau genug wiedergeben kann, was ich höre. An diesem Punkt frage ich mich dann, was es ist, dass viele Menschen Sprache so lieben. Wieso sie uns tröstet, wo sie nur ein Abbild ist. Wo wir genau wissen, dass auch auf die schönsten Worte kein Verlass ist.

Ich habe keine Antwort, die mich zufrieden stellt. Mit einem kleinen Trick beruhige ich mich. In meiner Weltsicht gibt es unzählige Realitäten und Bücher, Texte und Gedichte ermöglichen mir, andere zu erleben. Ganz wie im Traum und seien sie auch noch so getränkt von der Erlebniswelt der Verfasser, so tränke ich sie mit meiner, sobald ich sie zu lesen beginne. Geschichten als andere Möglichkeiten. Damit kann ich immer wieder Frieden schließen und doch, es ist mir nicht genug.

Wenn es jemandem wie mir nicht schwer fällt, Worte zu finden, dann ist da stets eine Verlockung, dem Jetzt auszuweichen. Aus dem Erleben ins Beobachten und Beschreiben zu rutschen, mich zu verstecken wie hinter einer Kameralinse. Es fiel mir oft schwer, einfach nur zuzuhören, einfach nur da zu sein und nicht gleich ganze Szenen im Kopf zu haben, wie das Erleben sich auf Papier finden würde.

Es ist für mich nicht einfach gewesen, einen Augenblick nicht mit Reden, mit Schreiben im Kopf, mit Gedankenfluten oder einem Foto zu verfälschen. Auch jetzt braucht das noch ständig Übung. Dabei ist mir völlig klar, dass das Wenigste gesagt zu werden braucht. Für mich ist es Herausforderung und Hochgenuss, wenn ich Menschen begegne, die nicht mit Worten um sich werfen. Die öfter schweigen und zeigen. Ich fühle mich ungelenk und verletzlich, wenn ich mich nicht auf meine Sprache verlasse. Und mir ist auch die Ironie bewusst, dass ich das Bedürfnis spüre, diesen Text hier zu schreiben und etwas mit Worten zu teilen.

Dabei ist es so, dass, berührt mich etwas zutiefst, ich gar keine Worte mehr finde. Ich rudere und fische hilflos, es ist ein Plappern, als ob ich die Intensität, mit der ich den Augenblick empfinde, glaube, nicht aushalten zu können. Als ob er mich überflute und verschlinge, wenn ich nur schweige und große, staunende Augen mache. Als ob mein Ego genau wüsste, dass es im puren Erleben so ganz und gar unwichtig wird und sich auflöst. Dabei ist es sofort wieder da, sobald ich aus dem Erleben ins Beschreiben gehe.

Ich weiß noch nicht, ob und wie das zusammen gehen kann, ganz im Jetzt zu sein und Sprache, mein Schreiben. Ob ich das lernen kann, immer öfter nichts als zuzuhören und irgendwann dann, es zu schreiben. Einen wirklichen inneren Frieden habe ich bisher jedenfalls nur gespürt, wenn ich gewagt habe, mich ins Zuhören, ins Wortlose und Zeigen fallen zu lassen. Wenn ich mich vor mir und dem anderen nicht hinter Sprache versteckt habe.

Ich weiß noch kaum, wie das geht, Sprache nicht als Versteck zu benutzen. Ich weiß nur, bei aller wieder erwachten Freude am Schreiben zieht es mich mehr noch dahin, einfach zu sein und zuzuhören, dem, was ist und denen, die um mich sind. Ich möchte den Menschen zuhören, besonders den Geschichten, denen sie keine Worte geben. Ich möchte ihnen in die Augen sehen und sie spüren lassen: Ich erkenne dich. Fürchte dich nicht. Hier ist meine Hand.

Das scheint mir so viel wichtiger als jedes Wort, das ich schrieb und noch schreiben könnte.

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6 Gedanken zu “Schriftsteller und Zuhörer

  1. guten abend,
    finde ich schön wie du dich diesem -fassen wollen- annäherst, dem problem vor welchem man steht, wenn man versucht ist, sich mitzuteilen. das einzige, die sprache, die einem dafür bleibt, reicht irgendwie selten aus. -die wenigen, die was davon verstanden/ wovon eigentlich/ ich nehme an vom satzbau (g. benn, satzbau)

    • Ha, Benn, der alte Gauner (:
      Dankeschön. Ich denke oft: wieso noch etwas sagen oder schreiben, wenn Sprache nicht ausreicht? Vielleicht lautet die Frage jedoch vielmehr: Wieso nicht? Es ist verflixt, aber vielleicht gehört sich das auch so.

      • ja, der doktor war zumindest einer der zu der zeit finde ich schon nochmal in/mit der sprache was neues geschaffen hat, grad weil er eben alle ebenen durchgeht, also streng metrisches (in einem unglaublichen duktus), gereimtes, und aber auch echt anstrengend zu lesende sachen. jedoch eben immer was -erstmaliges-. das wahrscheinlich ziel jedes (poeten) irgendwas neues zu schaffen wenn er es ernst meint. aber ähnlich wie du meinst gehts vielleicht eher darum die zutiefst eigenen höchst subjektiven (impressionen) dann in genau dieser einzigartigkeit abzubilden oder ihnen durch jene einen wert zu geben. wer das schafft ist glücklich glaubich, wenn er irgendwie meistert das, was er ja schon fast -in worten- in sich trägt, in eine form zu passen. aber trotzdem, bei aller möglichen unmöglichkeit: es versuchen… das wichtig…

  2. es ist sehr anstrengend, wenn jemand ununterbrochen redet, ich kann das nicht gut haben, wenn mich das gegenüber überflutet mit seinen worten. das ist für mich auch kein gespräch, sondern meist eine art vortrag, ich kann das nicht leiden.
    wenn du wirklich etwas mitzuteilen und zu teilen hast, wenn du etwas zu geben hast, finde heraus, wovor du genau angst hast, was dich verunsichert und ängstigt, weshalb du so viel redest (du benutzt die sprache, um dich zu verstecken, das schriebst du ja oben). vielleicht ist es deine angst, jemand könnte dich erkennen, so wie du bist, unsicher innerlich, fragend, ängstlich, was auch immer. es kann auch was anderes sein, das dich dazu bringt, so viel zu reden. wenn du das herausgefunden hast, kannst du dich ganz bewusst in solche situationen begeben und erst mal nichts sagen, es einfach nur fühlen, nur fühlen. und weniger sprechen und wieder fühlen. das wird deine wahrnehmung und dein empfinden verändern und letztlich dein verhalten.
    ich wünsche dir viel gutes auf deinem weg und gute gespräche. liebe grüße

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